London Feelings Kapitel 5 – Der Abschied

Normalerweise veröffentliche ich ohne große Vorrede die Kapitel meiner Geschichte „London Feelings“. Da die letzte Veröffentlichung jedoch einige Zeit her ist, fasse ich das Geschehene noch einmal kurz zusammen: Anna stand kurz vor ihrer Hochzeit mit Carl Freischild, einem angesehenen jungen Mann der oberen Zehntausend. Doch sie lässt ihn vorm Altar stehen und flieht zu ihrem besten Freund Mick, der jedoch, um der Hochzeit von Anna zu entfliehen, einen Job in London angenommen hat und ihr somit nur die ersten Tage nach ihrem denkwürdigen Schritt zur Seite stehen kann.
Nun begleiten wir Anna weiter in ihrem chaotischen Leben und ich hoffe ihr gewinnt sie genauso lieb, wie ich sie jetzt schon habe! Viel Spaß beim lesen von Kapitel 5 „Der Abschied!

Zwei Tage später, an einem tristen und ungewöhnlich kalten Morgen, fuhr Anna Mick zum nahegelegenen Flughafen. Die Atmosphäre im Auto passte sich den Wetterbedingungen an. Angespannt umklammerte Anna das Lenkrad und starrte auf das Auto, welches vor ihr fuhr. „Anna, du kannst sicher nachkommen, ich werde von London aus alles regeln!“ Anna wandte den Kopf und warf Mick einen kurzen Blick zu. „Das ist echt lieb von dir, aber du hast mir schon so viel geholfen! Das ich die nächsten Wochen noch in deiner Wohnung bleiben kann, das kann ich niemals gut machen!“ Sie sprach leise, versuchte ihre Emotionen aus der Stimme zu halten. Denn ihr war Angst und Bange, so ganz allein ohne Mick, die nächsten Tage überstehen zu müssen.
„Red doch nicht! Das ist doch Schwachsinn und wir sind schon viel zu lange befreundet, als das du dir darüber Gedanken machen solltest“ murmelte Mick und hätte ihr am liebsten über das Haar gestrichen. Er wusste, dass Anna nicht gut schlief. Ihm waren schon beim hastigen Frühstück vor der Abfahrt die  tiefschwarzen Ringe unter den Augen aufgefallen, die von ihrer Blässe noch hervorgehoben wurden . Seit der geplatzten Hochzeit schien Anna sich halbiert zu haben und jedes Mal wenn er den Blick von ihr wandte, hatte er Angst sie würde sich auflösen. Ihre Jeans saßen zu locker auf ihren Hüften und das Pinkfarbene Shirt das sie trug, schlackerte beim gehen um ihren Oberkörper.

„Ich mache mir Sorgen um dich!“ platzte es aus ihm heraus bevor er sich zurückhalten konnte. Er bemerkte wie seine Ohren heiß wurden und verfluchte sich mal wieder selbst für seine Vernarrtheit in Anna.

„Das brauchst du nicht Mick!“ entgegnete Anna ihm mit überraschend gefestigter Stimme. „Es stimmt, die letzten zwei Tage war ich ein heulendes, völlig am Boden zerstörtes Wrack! Aber ich weiß, dass Leben geht irgendwie weiter und es wird Zeit meinen Hintern hoch zu kriegen und darüber nachzudenken was ich tatsächlich will!“ Anna setzte ein sehr überzeugendes Lächeln auf ihre Lippen, auch wenn es sie beinahe umbrachte, denn nichts war auch nur annähernd in Ordnung. Sie hatte miterlebt wie hart Mick gearbeitet hatte um diese Chance die sich ihm jetzt bot zu verdienen. Sie wusste mit Einhundert prozentiger Sicherheit, wenn sie nur ein Wort von sich geben würde, würde Mick alles hinschmeißen und bei ihr bleiben. Und irgendwann würden sie beide sich dafür hassen und ihre Freundschaft würde daran zerbrechen! Deshalb hielt sie den Mund und verriet nichts über die nächtlichen Anrufe von Carl und auch nichts von den Droh-E-Mails die sie von einer ihr unbekannten E-Mailadresse erreicht hatten. Um all das würde sie sich kümmern, sobald Mick in seinem Flieger nach London saß!

Der restliche Weg zum Flughafen verlief in tiefem Schweigen, da sowohl Mick als auch Anna ihren Gedanken nachhingen. Einzig das Radio, dass soeben das Lied von Pink „Beautiful Drama“ anstimmte, füllte die Fahrerkabine des Wagens. Endlich stellte Anna das Auto auf einem der ausgewiesenen Parkplätze für Kurzparker ab und erleichtert stieg sie aus dem Auto. Gleichzeitig verwirrte sie dieses Gefühl, denn Mick war ihr bester Freund. Innerlich zerrissen passte sie ihre Schritte an die seinen an und nebeneinander, immer noch schweigend, betraten sie durch die zischend zur Seite gleitenden Türen das Flughafengebäude.

Schließlich standen Anna und Mick sich in der Abflughalle des Flughafens gegenüber. Der Moment des Abschieds war gekommen! „Komm her!“ murmelte Mick heißer und zog Anna eng an sich. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Der Kloß der sich darin gebildet hatte, fühlte sich an als hätte er eine verdammte Kartoffel am Stück verschluckt. Der Geruch ihres Shampoos stieg ihm in die Nase und er fühlte ihren zarten, dünnen Körper an seinem. Er würde den Flug canceln, wenn sie ihn nur darum bitten würde! Er wartete jede Sekunde auf ihr Bitten und Flehen, er möge bei ihr bleiben. Mick wusste wie dumm diese Entscheidung wäre, aber Anna war ihm der wichtigste Mensch in seinem Leben und er konnte es kaum ertragen sie in dieser Situation allein lassen zu müssen. Doch Anna blieb stumm und neben der Enttäuschung, dass Anna ihn gehen ließ, bemerkte Mick beschämt, dass ihm ein großer Stein vom Herzen fiel. Der berufliche Erfolg war ihm nicht zugeflogen, er hatte sehr hart gearbeitet, gekämpft und Opfer für diese Chance gebracht. Er wollte nach London um sich selbst zu beweisen, vor allem aber seinen Eltern, dass er den richtigen Berufsweg gewählt hatte.
Anna schmiegte sich an ihn, umarmte ihn fest und befreite sich dann aus seiner Umarmung. Sie hielt noch einen Moment seine Hände fest umklammert, sah ihm lange in die Augen, hielt seinen Blick gefangen und beide tauschten ohne Worte die ganze Geschichte ihrer langen und innigen Freundschaft aus. Schließlich straffte sie ihre Schultern, ließ seine Hände los und trat einen Schritt zurück. „Du musst gehen!“ mahnte sie, als seine Flugnummer aufgerufen wurde und die Passagiere zum Boarding aufgerufen wurden. „Geh schon! Ich bin ja nicht aus der Welt“ lachte sie. Dieses ansteckende Lachen gab Mick die Kraft sich von dem Fleckchen Erde auf dem er stand fort zu bewegen. „Wir telefonieren!“ rief er über seine Schulter hinweg, als er in Richtung seines Gates eilte. „Guten Flug“ hörte er sie noch rufen, dann wurden alle Worte von den Geräuschen der anderen Fluggäste des Flughafens verschluckt. Ein letztes Mal drehte er sich um, rempelte einen älteren Mann an der Schulter an, der ohne stehen zu bleiben weiter hastete und nahm den Anblick von Anna, die mit erhobener Hand, ein letzter Gruß, in ihren Jeans, Sneaker und pinkem Shirt nach wie vor an dem Platz ihrer Verabschiedung stand, in sich auf. Sie wirkte stark und zerbrechlich zugleich, was ihm einen scharfen Stich im Herzen versetzte. Mick winkte ein letztes Mal und tauchte in der Menge der Reisenden unter.

Als Mick in der Menge der Fluggäste verschwunden war, sackte Anna in sich zusammen. Die Zuversicht und gute Laune mit der sie sich umgeben hatte, waren wie weggewischt. Nichts war jemals so anstrengend gewesen als die letzten Stunden mit Mick. Sie wäre niemals mit ihrem Schauspiel davon gekommen, wäre ihr bester Freund nicht so sehr mit seiner Abreise und seinem neuen Leben in London abgelenkt gewesen. Nun da er nicht mehr da war, war es unnötig diese Fassade aufrecht zu halten. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem, Micks, Wagen und hatte keinen blassen Schimmer wie es jetzt weitergehen sollte.

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