Billy – ein Hund in Italien

BillyAls ich 2005 das erste Mal, in einem Reisebus, mit meinem Freund nach Italien fuhr, hatte ich nur einen Hauch einer Ahnung was mich erwarten würde.
Es ist allgemein bekannt, das in südlichen Ländern die Tiere eher als Nutztiere angesehen werden und nicht, wie bei uns, als Haustiere. Etwas zu wissen und es mit eigenen Augen zu sehen sind zwei paar Schuhe, das musste ich lernen!
Als wir im Haus der Familie meines Freundes ankamen fiel mir sofort der Hund auf. Ein kleiner, brauner Terriermischling mit süßen Schlappohren und einem frechen Blick. Da ich zum ersten Mal überhaupt im Ausland war und meine Katzen zu Hause in der Obhut meines Vaters gelassen hatte, „adoptierte“ ich Billy, so hieß der Hund, als mein Ersatz- und Urlaubshaustier. Mich machte es ganz krank, das der arme Kerl tagsüber an der Kette lag. Heimlich verlängerte ich sie damit er mehr Bewegungsspielraum hatte. Zwar wurde er damals von der Großmutter morgens ausgeführt und Nachts durfte er im überdachten Bereich auch frei laufen, aber Tagsüber lag er nun mal an der Kette. Ich lag meinem Freund in den Ohren bis er nachgab und wir zwei Näpfe und eine Hundeleine kauften. Ab dem Zeitpunkt verbrachte ich mit Billy sehr viel Zeit mit Spazieren gehen und rumkuscheln. Morgens, sobald ich aus dem Haupthaus kam, erkannte er mich und jaulte herzzerreißend, bis ich zu ihm ging und ihm eine Extraportion Streicheleinheiten gab. Er war mir so dankbar.
Jeder schüttelte über mich den Kopf, schließlich hatte Billy die Aufgabe das Grundstück zu überwachen. Es brach mir das Herz den süßen Hund nach drei Wochen dort zurücklassen und oft dachte ich an den kleinen Mischling. Wie gerne hätte ich Billy mit nach Deutschland genommen, aber allein sein Jagdinstinkt, vor allem gegenüber Katzen, machte das unmöglich.
Jahr für Jahr fuhren wir im Sommer für drei Wochen in den tiefsten Süden Italiens und ich musste lernen, das ich nicht jedem Tier helfen konnte. Bildschöne Katzen liefen auf der Straße um ihr Leben, Hunde die nicht schnell genug waren wurden überfahren und ihr Kadaver lag Wochenlang am Straßenrand, unbeachtet und unsichtbar für die meisten Einheimischen. Ich versuchte zumindest Billy, der es vergleichsweise gut getroffen hatte, in diesen drei Wochen ein wenig Zuwendung zu geben und es war erstaunlich, sobald ich aus dem Auto stieg erkannte er mich und kam mir am Tor entgegen, egal wie lange ich weg war.
Als der Onkel meines Freundes eine neue Frau an seiner Seite hatte und ich sah wie sehr sie Billy zugetan war, war ich endlich beruhigt. Der kleine Rabauke durfte zwar noch immer nicht ins Haus, aber es wurde sich um ihn gekümmert, er wurde gestreichelt, gehätschelt, eine Schlafstätte an der Tür, im Schatten, die immer aufstand und er seine Menschen so im Blick hatte. Zwar musste er Nachts jetzt an die Kette, die ich immer wieder heimlich verlängerte und ihn zum Trost mit Würstchen fütterte, aber zumindest am Tag hatte er für einen Hund in Italien ein nahezu fürstliches Leben. Ich konnte beruhigt nach Deutschland zurückfahren. Als ich von seinem Tod erfuhr, immerhin wurde Billy stolze 15 Jahre alt, musste ich meine Tränen zurück halten. Ich hatte ihn echt gern, mein Urlaubshaustier.

Man muss das Elend vor Ort sehen um die kleinen Fortschritte zu erkennen. Anfangs gab es unglaublich viele Kettenhunde, auch ausgesetzte Tiere, die sich rasant vermehren, kann man dort überall sehen.
Von Jahr zu Jahr erkenne ich die Veränderungen, die auch im Süden Italiens sehr langsam Einzug erhalten. Zum Beispiel gibt es mittlerweile eine Tierarztpraxis im Dorf, immer wieder sehe ich Familien die ihre Hunde ins Haus lassen und sogar mit ihnen spazieren gehen. Was für uns hier in Deutschland selbstverständlich ist, gleicht in Italien einem Wunder. Es wird noch sehr lange dauern, bis sich die Lage für die Hunden und Katzen verbessert und entspannt, aber ein Anfang ist gemacht.

Als wir Amy bekamen, musste ich oft an Billy denken und ich hoffe er sitzt glücklich auf seiner Wolke und hechelt fröhlich vor sich hin.

Ich musste mich oft der Frage stellen warum wir einem Hund aus dem Ausland ein zu Hause gegeben haben und nicht ins Tierheim vor Ort gefahren sind. Jeder der dafür Unverständnis zeigt, hat noch nie in die Augen eines Straßenhundes geblickt, wo sich Hoffnung, Verzweiflung und die Sehnsucht nach ein wenig Zuwendung vereinen. Tierheime gibt es in Italien nicht. Nur Lager, in denen die Hunde zusammengepferscht ein trauriges Dasein fristen, ohne Futter, gepeinigt vor Durst und Angst. Die Eigentümer dieser Lager bekommen pro Hund ca. 10 EUR und halten die Tiere mit minimalem Aufwand am Leben um das Geld einzustreichen.
In Spanien, bekannt durch die Pressearbeit der Tierschützer vor Ort, sind es Tötungsstationen, in denen in regelmäßigen Abständen die Hunde vergast oder erschlagen werden. Aus solch einer Einrichtung kommt Amy! Sie hatte Glück und wurde kurz vor ihrem Tötungstermin, da war sie drei Wochen alt, mit ihrer Mutter und einem Geschwisterchen nach Deutschland zu einer Pflegestelle gebracht. Wenn ich die Berichte lese oder im Fernsehen sehe, drücke ich Amy ganz fest an mich, weil ich immer daran denken muss, das dieser tolle Hund beinahe um sein Leben gebracht worden wäre.

Es gibt viele Billys und Amys in der Welt und ich kann jedem nur empehlen ein Tier, egal ob Hund oder Katze, aus dem Ausland zu adoptieren, denn sie werden es einem mit jedem Tag danken!

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Quelle des Bildes: Alexa Gr.