DISCLAIMER: Die Charaktere von 50 Shades of Grey gehören ausschließlich E. L. James. Ich verdiene kein Geld damit und habe auch sonst keinen finanziellen Nutzen davon.
FSK 18! Die Story ist für Kinder und jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet.
Christian starrte verwirrt auf die geschlossenen Aufzugtüren, räusperte sich und ging gedankenverloren zurück in sein Büro.
Er bemerkte nicht, wie Andrea, seine Assistentin verwirrt die Stirn runzelte und einige Minuten abwartete, bevor sie ihren Chef daran erinnerte, dass seine Anwesenheit bei der Neueröffnung eines Bürokomplexes in der unmittelbaren Nachbarschaft zu „Grey Enterprises“ erwünscht war.
„Mr. Grey?“ diskret und leise schlüpfte Andrea in das Büro ihres Chefs. „Ja? Andrea?“ Entgegen seiner Gewohnheiten stand Christian an der Fensterfront hinter seinem Schreibtisch und starrte hinab in die Straßen von Seattle.
„Sir, sie denken daran, dass sie noch zur Neueröffnung….“ „Natürlich, ich werde mich sofort auf den Weg machen. Geben Sie mir ein paar Minuten und sagen Sie Bescheid, dass ich mich etwas verspäte!“ Seine Stimme klang schroff und bestimmend, doch Andrea zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sie kannte ihren Chef mittlerweile recht gut und nahm ihm diesen Befehlston nicht übel. Er zeugte von größter Anspannung und war nicht persönlich gegen sie gerichtet. „Wie Sie wünschen!“ murmelte sie daher leise und verließ das Büro.
Christian hingegen starrte weiter hinunter in die Menschenmenge, die weit unterhalb seines Büros über die Gehsteige hetzte. Er fragte sich ob Anastasia sich gerade unter ihnen befand, um zu ihrem Auto zu gehen und nach Hause zu fahren. Schließlich verbannte er die tollpatschige und überaus attraktive Anastasia Steele aus seinen Gedanken. Er wandte sich von der Fensterfront ab und richtete seine Gedanken auf die bevorstehenden Termine, was ihm schwerer fiel als ihm lieb war.
Anastasias Herz trommelte wild gegen ihre Rippen und sie stolperte hastig in die Eingangshalle, sobald sich die Türen des Aufzuges öffneten. Sie bekam keine Luft mehr, war heilfroh als sie den Weg unfallfrei über die auf Hochglanz polierten Fliesen schaffte und schließlich eine der breiten Glastüren aufstieß. Ihr erhitztes Gesicht wurde von den Regentropfen gekühlt, die unablässig vom Himmel fielen. Anastasia blieb kurz stehen und schloss die Augen um sich zu beruhigen.
Was zur Hölle war da gerade zwischen Christian und ihr passiert? Noch nie hatte sie in Gegenwart eines Mannes so viel auf einmal gefühlt. Warum hatte Christian Grey eine solch hypnotisierende Wirkung auf sie ausgeübt? Lag es ganz oberflächlich betrachtet an seinem Aussehen oder war es die Aura der Autorität und der Macht gewesen, die zu seiner Person zu gehören schien wie die Luft zum Atmen.
Anastasia hatte sich noch nie so bewusst als Frau wahrgenommen als in der letzten Stunde mit Christian Grey. Langsam beruhigten sich ihre überstrapazierten Nerven, das sexuelle Verlangen legte sich und sie stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Als sich ihre Gedanken wieder sortiert hatten und sie spürte, dass ihre Sinne wieder nur ihr gehörten, trat Anastasia den Weg zu ihrem Auto an.
Auf dem Weg nach Hause ließ Anastasia die Begegnung mit Christian Grey noch einmal Revue passieren und kam sich sehr albern vor. Besonders ihre übertrieben weibliche Reaktion stürzte sie in tiefe Verlegenheit und sie war froh, dass sie alleine in dem Auto saß, der sie zuverlässig Meile um Meile nach Hause brachte.
Anastasia war der festen Überzeugung sich das Interesse von Christian Grey an ihrer Person eingebildet zu haben. Dieser Mann wusste um sein attraktives äußeres und sie war sich sicher, dass er dies auch skrupellos einsetzte um an sein Ziel zu kommen. Neben seinen tadellosen Manieren war er arrogant, selbstherrlich und kühl wie ein Eisberg. Zumindest wollte er das jedem Glauben machen. Anastasia war sich sehr sicher, dass Christian viel mehr Emotionen unter der Oberfläche verbarg, als er zeigte. Einige seiner Antworten waren zu hintergründig gewesen, als hätte er etwas zu verbergen. Vielleicht sein wahres „ICH“?
Christians Arroganz dagegen war leicht zu begründen. Mit nicht einmal dreißig Jahren ein solches Imperium zu erschaffen, da konnte man schon sehr von sich überzeugt sein. Dummheit konnte er nicht ausstehen, oder vielmehr die Unwissenheit und schlechte Vorbereitung. Da war seine Toleranz gegen Null, wie sie selbst erfahren musste. Mit hochroten Wangen erinnerte sich Anastasia an den Moment, als sie ihn nach seiner Adoption gefragt hatte. Da war sie mit Anlauf und einer Arschbombe in einen Fettnapf mit Ausmaßen vom Michigan See getreten. Dafür würde sie Kate umbringen, sie wäre am liebsten immer noch im Erdboden versunken. Die Frage nach seiner sexuellen Orientierung war auch ein „Wo ist das Mauseloch wo ich mich verstecken kann?“ Augenblick gewesen! Anastasia konnte nicht fassen, dass sie Christian Grey das tatsächlich gefragt hatte.
Ihr Blick fiel auf das Tacho des Wagens, dass sich bei 90 Meilen die Stunde eingependelt hatte, für ihre Verhältnisse fuhr sie recht verhalten durch die Gegend. Anastasia biss sich auf die Lippen. Natürlich hätte sie behaupten können, sie fuhr so langsam, weil sie Kate nach dem vermasselten Interview nicht unter die Augen treten wollte und Zeit schinden wollte. Das stimmte auch, sie hatte entsetzliche Angst ihrer Freundin das Diktiergerät und ihre Notizen auszuhändigen, damit diese aus den kümmerlichen journalistischen Fähigkeiten ihrer Freundin retten konnte, was noch zu retten war. Wenn Anastasia jedoch ehrlich zu sich selbst war, was ihr sehr schwerfiel, musste sie sich eingestehen, dass sie sich an Christians Bitte hielt und langsam nach Vancouver zurückfuhr. Sie konnte den eindringlichen Blick aus den rauchgrauen Augen Christians nicht vergessen und sieh hatte das Gefühl, er würde herausfinden, wenn sie nur ein paar Meilen schneller fuhr als erlaubt. Anastasia schüttelte über diese seltsamen Gedanken den Kopf. Sie fragte sich, was sie alles wieder in diese Situation hineininterpretierte. Christian war nicht ihr Vater, sondern lediglich ein Interviewpartner gewesen.
Sie drehte durch. Das war sicher. Anastasia beschloss Christian Grey aus ihren Gedanken zu verbannen, eine interessante Begegnung mit einigen Erfahrungen, die sie daraus mitnahm, mehr nicht. Sie erhöhte die Lautstärke des Soundsystems von Kates Wagen und lauschte den wummernden Indi-Rock Rhythmen, die das innere der Fahrerkabine ausfüllten. Ana lehnte sich zurück und drückte das Gaspedal durch, sobald sie die Interstate 5 erreichte. Sie lachte befreit auf, als der Mercedes über die Straße rauschte. Sie konnte so zügig fahren wie sie wollte! Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie die Fahrt nach Vancouver in ihrem gewohnten Tempo, sehr schnell, fort.
Endlich fuhr Anastasia schwungvoll in die Auffahrt der kleinen Anlage mit den zweistöckigen Apartmenthäusern, in der Nähe des Campus der Washington State. Sie konnte sich glücklich schätzen hier zu wohnen. Ihre bescheidenen finanziellen Mittel hätten dazu nie gereicht, wäre Kate nicht so großzügig zu ihr gewesen. Sie verlangte einen Bruchteil der Mietkosten, die für diese Wohngegend sonst veranschlagt wurden. Kates Eltern waren sehr wohlhabend und hatten ihrer Tochter eine Wohnung in der Nähe der Universität gekauft. Anastasia und Kate waren recht schnell Freundinnen geworden, so dass Kate ihr aus der Klemme half und sie bat bei ihr einzuziehen und Ana nahm das Angebot dankbar an.
Anastasia stieg aus dem Mercedes, lief an ihrem VW-Käfer vorbei und strich ihm zärtlich über die Motorhaube. Auch wenn Wanda in die Jahre gekommen war, kam Anastasia immer zuverlässig am Ziel an, wenn auch weniger Komfortabel, das stand fest. Sie ließ sich ein wenig Zeit beim Hochlaufen der Treppen zur Wohnung, denn ihr war bewusst, dass sie Kate jede Kleinigkeit des Interviews würde erzählen müssen. Ihre Freundin würde nicht eher ruhen, bis Anastasia ihre eigenen Eindrücke und Gefühle bzgl. Christian Grey preisgegeben hatte.
Als sie die Tür leise öffnete wurde sie von ihrer Freundin ungeduldig erwartet. „Ana, da bist du ja wieder, endlich!“ Kate fegte ihre Notizen für die Abschlussprüfung beiseite und sprang auf um sie zu umarmen. Sie trug ihren pinkfarbenen Flanellpyjama mit süßen Häschen darauf. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Kate noch immer nicht auf dem Damm war. Das Kleidungsstück kam nur zum Tragen, wenn Kate sich von einem Mann trennte, eine Hausarbeit schlecht ausgefallen war, sie niedergeschlagen oder eben krank war.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht, ich dachte du würdest früher nach Hause kommen!“ Anastasia schälte sich aus ihrer Jacke, legte Rucksack und Schlüssel ab und drehte sich herum. „Das Interview dauerte länger als geplant, deshalb bin ich etwas später dran.“ Nicht ganz die Wahrheit, das wusste sie sehr wohl. Hätte sie am Anfang der Fahrt nicht so getrödelt, wäre sie tatsächlich früher zu Hause gewesen. Aber wie sollte sie Kate ihr Bedürfnis Christians Anweisung Folge zu leisten, erklären können, wenn sie es selbst nicht verstand?
„Ganz lieben Dank, dass du das Interview für mich übernommen hast. Dafür hast du echt was gut bei mir!“ Kate nippte an ihrer Tasse, aus der nach Salbei duftender Dampf hochstieg.
„Los, erzähl. Wie war das Interview. Wie war ER?“
Anastasia spannte Kate auf die Folter, nicht um ihre Freundin zu quälen. Sie versuchte nur, das Erlebte in Worte zu fassen. „Ich bin froh, dass das Interview vorbei ist. Christian Grey ist sehr jung und trotzdem derart einschüchternd und selbstgefällig…“ Erneut gerieten Anastasias Gefühle durcheinander und sie brach ab. Kate setzte einen betont unschuldigen Gesichtsausdruck auf, was Anastasia ein wenig in Rage brachte. „Tu nicht so unschuldig. Du hättest mir zumindest eine kurze Vita in die Unterlagen beifügen können.“ Anastasia merkte selbst wie vorwurfsvoll sich das anhörte, doch die Zurechtweisung von Christian hatte Spuren hinterlassen. „Ana, das tut mir wirklich sehr leid.“ So ganz kaufte Anastasia ihrer Freundin diese Entschuldigung nicht ab. „Ich war in Panik, der Termin war so unglaublich wichtig für mich und in all der Aufregung darüber, habe ich vergessen dich mit Hintergrundinformationen zu versorgen. Es tut mir wirklich leid.“
Anastasia runzelte verärgert die Stirn. „Er war sehr höflich, so sehr das es sehr anmaßend wirkte. Christian Grey ist arrogant, sachlich, hin und wieder hölzern und steif, dadurch wirkt er älter als er ist. Wahrscheinlich seine Taktik gegenüber den alten Hasen im Business.“ Anastasia hielt kurz inne, schenkte sich ein Glas Wasser ein und stürzte es in einem Zug hinunter. Ihre Kehle schien so ausgetrocknet wie die Sahara. „Wie alt ist Christian Grey überhaupt?“ murmelte sie. Kate strich ihr beruhigend über den Rücken. „Oh je, das hört sich an, als hättest du es nicht leicht in dem Interview gehabt.“ Sie hielt kurz inne und überlegte. „Christian Grey ist Siebenundzwanzig, glaube ich. Wenn du mir das Diktiergerät gibst, werde ich das Interview direkt verschriftlichen.“ So kannte Anastasia Kate. Ihre Freundin konzentrierte sich meist auf das Wesentliche.
Anastasia musterte Kate genauer. Die Augen ihrer Freundin glänzten nicht mehr fiebrig und auch die unnatürliche Blässe war verschwunden. „Du siehst viel besser aus als heute Morgen. Hast du ein wenig von der Suppe gegessen, die auf dem Herd stand?“ Sie wechselte mit voller Absicht das Thema und hoffte, dass Kate nichts von ihrem Ablenkungsmanöver bemerkte. „Ja, ich habe sie komplett gegessen. Sie war wie immer fabelhaft. Und mir geht es wirklich sehr viel besser.“ Kate lächelte ihr beruhigend zu.
„Sehr gut. Ich werde noch bei Clatyton´s vorbei gehen.“ Entschied Anastasia und verließ kurz darauf die Wohnung.
Sie arbeitete seit Beginn ihres Studiums vor vier Jahren an der WSU im größten unabhängigen Baumarkt in der Gegend von Portland.
Das Wissen über alle im Sortiment aufgenommenen Artikel mühsam hatte sich Ana mühsam angeeignet, denn ihre Begabung für handwerkliche Tätigkeiten hielt sich in Grenzen. Dafür war zu Hause ihr Dad zuständig gewesen.
Anastasia wusste, dass niemand im Baumarkt mit ihr rechnete, da sie wegen dem Interview kurzfristig um Urlaub gebeten hatte. Doch es war um diese Zeit, zu Beginn der Sommersaison immer viel los bei Clayton´s, da alle in der Umgebung auf die Idee kamen ihre Häuser für den Sommer aufzuhübschen und zu renovieren. Für Ana bedeutete ihre Arbeit bei Clayton´s an diesem Nachmittag, Christian Grey aus ihren Gedanken zu verbannen.
Wie erwartet war Mrs. Clayton über ihren Arbeitseifer mehr als nur begeistert. „Anastasia. Schön Sie zu sehen. Ich hatte mit Ihnen gar nicht mehr gerechnet.“
Ana wippte auf ihren Füßen. „Der Termin dauerte nicht so lange wie befürchtet und ich dachte, ich könnte noch ein wenig aushelfen.“ Mrs. Clayton war eine herzensgute Frau und wusste, dass Anastasia nicht so wohlhabend wie die anderen Studenten der nahegelegenen Universität waren. Zudem imponierte ihr der Arbeitswille der jungen Frau, mit der sie es in jeder Schicht schaffte, den Umsatz beständig nach oben zu treiben. Kein anderer ihrer Aushilfskräfte war so erfolgreich wie Ana. „Wir haben für heute die Einteilung der Aushilfskräfte schon festgelegt. Aber Sie können gerne ins Lager, dort ein wenig aufräumen und die Regale auffüllen.“ In Mrs. Claytons Stimme schwang ehrliches Bedauern mit.
„Das ist genau das richtige für heute, vielen Dank.“ Anastasia verschwand im Lager und konzentrierte sich bis Schichtende nur darauf, die geplünderten Regale in den Verkaufsräumen aufzufüllen, die Bestände zu erfassen und wenn nötig zu korrigieren, so dass sie bis Schichtende keinen Gedanken mehr an den grauäugigen CEO verschwendete.
Als Anastasia müde und erschöpft von der Schicht bei Clayton`s zurückkam, ließ sie sich ohne Umschweife neben Kate aufs Sofa fallen. Ihre Freundin tippte fleißig, mit roter Nase und Kopfhörer auf dem Kopf, auf der Tastatur ihres Laptops herum. Anastasia schloss kurz die Augen, dachte an ihre Seminararbeit und das Lernpensum, dass sie heute nicht mehr bewältigen konnte. Sie war zu unruhig, um sich beidem zuzuwenden und ihre Gedanken wanderten zu dem Interview am Nachmittag.
Unvermittelt zog Kate sich den Kopfhörer von den Ohren. „Da hast du mir da wirklich super Material geliefert. Nicht zu fassen, dass du sein Angebot, dir alles zu zeigen, ausgeschlagen hast. Das wäre DIE Gelegenheit gewesen noch mehr Zeit gemeinsam mit ihm zu verbringen und noch mehr Informationen aus ihm rauszupressen. Er schien richtiggehend enttäuscht, als du abgelehnt hast.“ Kate wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.
Anastasia bemerkte, wie er wieder einmal die Hitze in die Wangen stieg und ihr Puls beschleunigte sich bei dem Gedanken daran, wenn sie noch mehr Zeit mit Christian Grey verbracht hätte. Er wollte diese Führung bestimmt nur, um gegenüber ihr noch mehr von seiner Macht demonstrieren zu können. Das war auch der Grund für ihre Abfuhr gewesen. Sie knabberte an ihrer Lippe und hoffte Kate würde ihren nervösen Tick nicht bemerken. Zum Glück war ihre Freundin komplett vertieft in ihre Aufzeichnungen und bekam von ihrer Unruhe nichts mit.
„Hast du dir noch zusätzliche Notizen gemacht?“ Kates Blick schweifte über die auf dem Couchtisch verstreuten Unterlagen. „Nein, ich habe dir alles gegeben was ich habe.“ „Egal. Aus dem vorhandenen Material werde ich trotzdem eine bombastische Story basteln können. Schade, dass wir keine Fotos von ihm haben. Er ist sehr attraktiv, oder?“ Kate starrte Anastasia erwartungsvoll an und mit einem Mal musste Anastasia ein hysterisches Kichern unterdrücken. „Attraktiv“ traf die Ausstrahlung von Christian noch nicht einmal annähernd. Die ihr bekannten Superlativen schienen ihr zu farblos, zu schwach, um Christians Aussehen und auch Auftreten zu beschreiben. „Ich denke schon, dass man Mr. Grey als attraktiv bezeichnen könnte.“ Stotterte sie deshalb und versuchte nicht allzu schmachtend zu klingen. Das gelang ihr recht überzeugend, denn Kate lachte sie aus. „Ach, Ana, selbst du kannst nicht gegen den Charme eines Millionenschweren, gutaussehenden CEO immun sein.“ So ein Mist. Da hatte sie zu viel Gleichgültigkeit geheuchelt. Die verdammte Röte machte sich wieder auf ihren Wangen breit, so dass Anastasia zu dem einzigen Mittel griff, was ihr noch einfiel. „Du hättest wahrscheinlich viel mehr aus ihm herausgekitzelt und ihn mit deiner Hartnäckigkeit geknackt.“ Schmeichelte sie ihrer Freundin. „Das bezweifle ich sehr. Er hat dir quasi ein Jobangebot gemacht. Du hast das super gemacht Anastasia, vor allem wenn man bedenkt, dass du keine Vorbereitungszeit auf das Interview hattest. An dir geht eine Star-Reporterin verloren.“ Kicherte Kate. Die Richtung, die das Gespräch nahm, gefiel Anastasia nicht und sie flüchtete in die Küche. Kate folgte ihr jedoch, lehnte sich an den Kühlschrank und beobachtete sie. „Was hältst du wirklich von Christian Grey?“ Anastasia beschloss Kate einen Happen hinzuwerfen, sonst würde ihre Freundin nur immer weiter bohren und eine Story hinter der Story vermuten. Anastasia kannte Kate nur zu gut. „Meiner Meinung nach ist er ein absoluter Kontrollfreak, so sehr, dass es schon unheimlich ist, arrogant und sehr charismatisch. Ich kann durchaus verstehen, warum die Leute von ihm fasziniert sind. Er macht aus vielem, was seine Person angeht, ein Geheimnis. Ob aus Berechnung oder weil es ihm zuwider ist, dass jeder alles über ihn weiß, kann ich dir nicht sagen.“ Anastasia verwob ihre Wahrnehmung geschickt mit Annahmen, damit Kate endlich mit ihrer Fragerei zum Ende kam.
„Du? Fasziniert von einem Mann? Das ich das noch erleben darf.“ Spottete Kate auch schon. Anastasia öffnete die Kühlschranktür und griff wahllos hinein, in der Hoffnung sich ein Sandwich machen zu können. Sie kam um vor Hunger.
Erneut versuchte sie ein Ablenkungsmanöver. „Warum zum Teufel wolltest du nur wissen, ob er schwul ist. Mir war die Frage mehr als nur peinlich und ich glaube er war richtiggehend sauer, dass ich es gewagt habe diese Frage zu stellen.“ Noch immer brannten ihr die Eingeweide vor Scham, wenn sie an die Situation dachte.
Anastasia schüttelte nur den Kopf und bereitete ihnen beiden schnell ein Sandwich zu.
Kate jedoch sah aus, als würde sie sich krampfhaft ein Lachen verbeißen. Sie zuckte mit den Achseln. „Zu gesellschaftlichen Anlässen kommt er immer allein, da dachte ich, es wäre eine berechtigte Frage.“ Kate betrachtete Anastasia, die richtiggehend unglücklich wirkte. „Ana, so schlimm kann es nicht gewesen sein. Auf den Aufnahmen des Diktiergerätes wirkt es, als sei er hin und weg von dir gewesen.“
„Dein Sandwich.“ Entgegnete Anastasia, schob Kate einen Teller zu und ging auf die Äußerung ihrer Freundin nicht weiter ein. Damit war das Thema „Christian Grey“ an diesem Abend erledigt. Kate schrieb weiter an ihrem Artikel für die Studentenzeitung und Anastasia gesellte sich zu ihr an den Küchentisch, um wenigstens noch ein klein wenig an ihrer Seminararbeit über Thomas Hardys „Tess von den d’Urbervilles weiterzuarbeiten. Anastasia verfiel dem Charme des südlichen Englands im neunzehnten Jahrhundert und wurde von der Geschichte um Tess Durbeyfield mitgerissen. Als sie ihre Umwelt wieder wahrnahm und aus der Vergangenheit auftauchte, kam sie nicht umhin aufzuatmen. Anastasia bekam Mitleid mit Tess und kam zu dem Schluss, dass die Hauptprotagonistin des Buchklassikers definitiv am falschen Ort und auch in der falschen Zeit gelebt hatte. Erschöpft schleppte sich Anastasia in ihr Zimmer, froh doch noch so viel von ihrem Arbeitspensum geschafft zu haben und ließ sich auf ihr Bett sinken. Sie rollte sich auf der Matratze zusammen, schlang den Quilt ihrer Mutter um sich und schlief sofort ein. Doch es waren unruhige Träume, die sie immer wieder aufschrecken ließen, nur um erneut in das Vergessen zu sinken und zurück zu düsteren Orten, weißen Böden und grauen Augen, zu kehren.
Der Rest der Woche verlief wohltuend ereignislos. Anastasia lernte für ihre Abschlussprüfung und arbeitete bei Clayton’s. Auch Kate vergrub sich in ihrer Arbeit, stellte die letzte Ausgabe der Studentenzeitung unter ihrer Leitung zusammen, bevor sie diese der neuen Herausgeberin übergeben konnte und lernte ebenfalls für ihren Abschluss. Gesundheitlich ging es bei Kate endlich bergauf, so dass sie ab Mitte der Woche den pinken Flanellpyjama wieder in den Kleiderschrank verbannte.
Schließlich konnte Anastasia den obligatorischen Anruf bei ihrer Mutter, die im Augenblick in Georgia lebte, nicht mehr aufschieben. Sie liebte ihre Mutter sehr, konnte jedoch mit ihrem Sprunghaften Wesen nicht sehr gut umgehen. Zudem schien sie eine Antenne dafür zu haben, wenn Anastasia aufgewühlt oder emotional sehr angespannt war. „Hi Mom. Wie geht es dir?“ Sofort sprudelte ihre Mutter über vor Begeisterung über ihr neueste Projekt, dem Kerzenziehen. Anastasia klemmte sich den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr, verdrehte die Augen und biss in ein Croissant, während sie der neuen Geschäftsidee ihrer Mutter lauschte. Sie hörte mit wachsender Besorgnis, wie ihre Mutter ein Business plante, dass wahrscheinlich eine weitere Hypothek auf dem Haus bedeuten würde, welches ihre Mutter mit ihrem zuweilen vierten Ehemann bewohnte. Anastasia beschloss noch ein Gespräch mit Bob zu führen, damit er ein Auge auf die Geschäftsaktivitäten seiner Frau hielt. Er war älter und reifer als Ehemann Nummer drei, weshalb sich Ana sicher war, dass er ihre begeisterungsfähige Mutter im Zaum halten konnte. Anastasia hoffte, dass diese Kerzenphase schnell vorüber war, wie bei jedem anderen Projekt von ihrer Mutter. Carla Wilks war kreativ und voller Lebensfreude, weshalb es ihr mühelos gelingen würde, Geldgeber für ihre geschmackvollen Ideen zu finden. Leider mangelte es ihr an Durchhaltevermögen auch wirklich ein Business auf die Beine zu stellen. „Ana? Alles okay bei dir?“ Anastasia bemerkte, dass sie ihren Einsatz in dem Gespräch verpasst hatte und räusperte sich. „Ja, Mum.“ Sie zögerte kurz. „Bei mir ist alles okay.“ Sie dachte kurz an die Sehnsucht nach Christian Grey, die beunruhigend klaren Träume, die sie seit ihrem Zusammentreffen heimsuchten, erwähnte sie jedoch nicht. „Du hast jemanden kennengelernt.“ Keine Frage, eine Feststellung. Wie machte ihre Mutter das nur? Konnte sie Gedankenlesen?
„Du bist auf dem Holzweg, Mom. Ich bin nur im Prüfungsstress, nichts Besonderes. Du würdest es als erste erfahren, wenn ich jemanden kennenlernen würde.“
„Das weiß ich mein Schatz. Ich mache mir nur solche Sorgen um dich. Das du einsam bist…“ seufzte sie. „Mom, wirklich, bei mir ist alles in bester Ordnung. Wie geht es eigentlich Bob?“ lenkte Anastasia von dem Thema ab, über das sie am wenigsten sprechen wollte.
Ihre Strategie funktionierte, wie meistens und den Rest des Gespräches plauderten sie über weniger ernste Themen.
Später am Abend rief Anastasia bei Ray, ihrem Stiefvater an. Er war Ehemann Nummer zwei gewesen und ihr mehr Vater als ihr leiblicher Dad es hätte jemals sein können. Er war eher der schweigsame Typ, was ein Telefongespräch äußerst schwierig gestaltete. Meist stellte sie einige Fragen, auf die er mehr oder weniger ausführlich antwortete. Wenn sein heißgeliebter Fußball im Fernsehen lief, war an ein gescheites Telefonat nicht zu denken. Auch Kegeln und Fliegenfischen mochte er gerne, was so gar nicht Anastasias Begeisterung weckte. Aber das Schreinern hatte eine tiefe Verbundenheit zwischen den beiden entstehen lassen. Anastasia besaß vielleicht nicht die Fähigkeiten aus Holz Möbel zu fertigen. Dennoch gehörten die Erinnerungen, in denen sie stundenlang auf der Werkbank in Rays Werkstatt saß und ihm bei der Arbeit zusah, zu den liebsten ihrer Kindheit. Der Geruch der Holzspäne, der Stolz, wenn er sie darum bat ihr dieses oder jenes Werkzeug zu bringen, damit er seinen Arbeitsvorgang nicht unterbrechen musste. Von Ray hatte sie ihre Kenntnisse erlernt, die ihr den Job bei Clayton’s bescherten. Heute schien bei ihm alles in bester Ordnung zu sein. Er war für seine Verhältnisse recht redselig und erleichtert darüber, dass es ihm gut ging, beendete Anastasia das Telefonat.
Endlich war es Freitagabend. Wochenende. Kate und Anastasia diskutierten gerade darüber, wie sie das Wochenende einläuten wollten, als es an der Tür klingelte.
„Es ist José.“ Rief Kate nach einem Blick auf den Videobildschirm, der neben der Haustür angebracht war. Sie drückte auf den Türöffner und öffnete die Haustür. „Ladies!“ platzte Anastasias Freund in die Wohnung und wedelte wild mit einer Champagnerflasche durch die Luft.
Anastasia grinste breit. José war ihr bester Freund, seit ihrer beider ersten Tage auf der Washington State. Beide waren sie vollkommen einsam und verloren über den Campus gestolpert und fanden sich schließlich zufällig in der Cafeteria, erkannten sich als Seelenverwandte und waren seitdem befreundet. Sie lachten über dieselben Dinge, stellten fest, dass ihre Väter in derselben Einheit bei der Armee gedient hatten und sorgen dafür, dass Ray und José Senior ihre Bekanntschaft auffrischten.
Das Band ihrer Freundschaft wurde vor allem davon gestärkt, dass sie beide hart für ihr Studium arbeiten mussten. José war der erste in seiner Familie, der eine Universität besuchte um Maschinenbau zu studieren. Seine heimliche Leidenschaft jedoch war die Fotografie und im geheimen wünschte sich Anastasia, dass ihr Freund seiner Kreativität und nicht seiner Vernunft folgen würde.
„Schön dich zu sehen, José. Du hast dich ja lange nicht blicken lassen.“ Anastasia begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung.
„Stimmt, aber ich habe Neuigkeiten, große Neuigkeiten!“ Seine Augen sprühten vor Freude und Anastasia kam nicht umhin ihn zu necken. „Lass mich raten, du hast es geschafft, wieder eine Woche nicht bei deinem Job rausgeworfen zu werden?“
Er reagierte gespielt Schockiert. „Was du nur immer für Gedanken hast.“ Er legte freundschaftlich den Arm um ihre Schultern. „Nächsten Monat werden meinen Fotos in der Portland Place Gallery ausgestellt. Ich habe es geschafft Mädels!“ ließ er die Bombe platzen.
„Wow. Das sind ja tolle Neuigkeiten!“ jubelte Ana und umarmte ihn ein zweites Mal. „Das ist ja super, José. Und das sagst du mir so kurz vor Redaktionsschluss? Das muss unbedingt noch in die Zeitung!“ Kate stemmte entrüstet ihre Hände in die Hüften und zog gekonnt einen Schmollmund.
„Ach Kate. Sei keine Spielverderberin.“ Grinste er und wandte sich an Anastasia. „Du musst unbedingt zur Ausstellungseröffnung kommen.“ José sah ihr dabei tief in die Augen und Anastasia kam nicht zum ersten Mal der Gedanke, dass ihr bester Freund mehr für sie empfand als nur platonische Freundschaft. Er war süß, witzig und Anastasia mochte José sehr. Sie sah in ihm den Bruder, den sie sich immer sehnlichst gewünscht hatte, mehr empfand sie jedoch nicht für ihn.
„Du bist natürlich auch herzlich eingeladen.“ Fügte José ein wenig verspätet in Kates Richtung hinzu. Als sich José an der Champagnerflasche zu schaffen machte, wackelte Kate mit den Augenbrauen und Anastasia verdrehte die Augen. Kate witzelte oft über sie, dass ihr das „Ich-brauche-unbedingt-einen-Freund-Gen“ fehlte, doch in Wahrheit hatte bisher niemand ihr Herz berührt, so dass sie weiche Knie und Schmetterlinge im Bauch wahrnahm.
Vielleicht stimmte etwas nicht mit ihr, oder sie verbrachte zu viel Zeit über ihren Büchern, in denen romantische Heden die Hauptrolle spielten, weshalb ihre Erwartungen an eine Beziehung zu hochgesteckt waren. Bisher konnten kein Junge oder Mann diese erfüllen.
Sofort stieg die Erinnerung an rauchgraue Augen, die sie mal amüsiert, arrogant oder streng anstarrten in ihr auf. Noch einmal musste sie an diesen peinlichen Moment zurückdenken „Sind Sie schwul Mr. Grey?“ Anastasia wollte sich nicht eingestehen, dass ihre Träume ihre Sehnsucht nach ihm ausdrückten und wollte lieber glauben, dass es der Bewältigung dieser Begegnung zuzuschreiben war, dass Christian Grey noch immer in ihren Träumen auftauchte.
Zum Glück bemerkte José nichts von ihrer eigenartigen Stimmung, die sie erfasste und Anastasia nahm sich Zeit, während er die Champagnergläser die Kate ihm auf die Küchenzeile stellte, füllte, ihren besten Freund zu betrachten. Er sah gut aus, war groß, muskulös gebaut und unter seinem T-Shirt zeichneten sich breite Schultern ab. Seine Sonnengebräunte Haut, die schwarzen Haare und seine dunklen Augen, die leuchteten wie die Glut eines erloschenen Feuers, ließen ihn wie einen verwegenen Halunken aus Zorros Zeiten wirken. Nüchtern betrachtet sah er um es mit Kates Worten zu sagen „echt heiß“ aus. Doch Anastasia spürte nach wie vor nur geschwisterliche Zuneigung für ihn und sie hoffte, dass José ebenfalls begreifen würde, dass sie nur Freunde sein konnten. Der Champagner floss in die dazu gehörigen Gläser und perlte glamourös darin vom Glasrand ab. Als sie ihre Gläser zu einem Trinkspruch hoben und klirrend miteinander anstießen, strahlte José über das ganze Gesicht.
Anastasia gähnte am Samstag zu Beginn ihrer Schicht bei Clayton’s herzhaft. Das war keine gute Idee gewesen, die Nacht zum Tage zu machen. Als der Wecker sie am frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen hatte, war sie stöhnend aus dem Bett gekrochen, um sich für die Arbeit zurecht zu machen. Gleichzeitig betete sie, dass es ein ruhiger Samstag werden würde.
Dem war nicht so. Mr. und Mrs. Clayton, sowie die Teilzeitkräfte John und Patrick und natürlich sie selbst wurden förmlich von Kunden überrannt. Erst gegen Mittag flaute der Betrieb soweit ab, dass Mrs. Clayton sie darum bat, die Bestellungen zu überprüfen. Anastasia verschwand hinter dem Tresen, der die Kasse vom Kundenbereich abtrennte und machte sich an die Arbeit. Während Ana die Katalognummern mit den Produkten, die Clayton’s bestellt hatte abglich, biss sie herzhaft in einen Bagel. Bei dem Ansturm von Kundenmassen war an eine Mittagspause nicht zu denken gewesen. Ihr Blick huschte immer wieder zwischen dem Bestellbuch und dem Computerbildschirm hin und her. Konzentriert runzelte die Stirn, bis sie das untrügliche Gefühl bekam, dass jemand sie beobachtete. Anastasia riss den Blick vom Bestellbuch los und ließ ihn durch die Gänge schweifen. Vor Schreck fiel ihr der Bagel aus der Hand und ihr Herz begann gegen ihre Rippen zu trommeln. Da stand ER, Christian Grey, und beobachtete sie aus seinen grauen Augen.
Christian atmete auf, als das letzte Meeting für diesen Tag, Freitag, zu Ende ging. Die ganze Woche war er in den Fängen einer inneren Anspannung gewesen, die ihn nicht losließ. Selbst eine Session mit Elena, seiner ältesten Freundin und für seine Verhältnisse engen Vertrauten, konnte dafür sorgen, die großen unschuldig blickenden Augen von Anastasia Steele vergessen. Nachts wachte er schweißgebadet und mit einer steifen Latte auf und egal wie viele Frauen er in sein Spielzimmer brachte und benutzte, nichts verschaffte ihm die Befriedigung, die er dringend benötigte, um wieder er selbst zu sein. Anastasia Steele, war die Einzige, die ihn erlösen konnte. Gott, er wollte diese Frau mehr als jede andere, stellte sich vor was er alles mit ihr anstellen würde und kam allein bei dem Gedanken daran beinahe wie ein Schuljunge. Er biss seine Zähne derart fest zusammen, dass seine Kinnmuskulatur protestierte und ein Nerv zu zucken begann. Dieses verdammte Frauenzimmer.
Selbst seine Assistentin und deren Praktikantin trauten sich bei seinen düsteren Stimmungen der letzten Tage nicht mehr in sein Büro und schrieben ihm wann immer möglich kurze E-Mails. Er verstand seine kleine Welt nicht mehr die er sich selbst erschaffen hatte. Was waren das nur für seltsamen Gefühle, die sich seiner Sinne bemächtigten? Er bekam panische Angst davor, dass ihn sein Urteilsvermögen im Stich ließ. Nach einer weiteren Session mit Elena, die beide Schweißüberströmt und mit unschönen Striemen an allen möglichen Körperteilen hinter sich brachten, wachte er am Samstagmorgen erneut angespannt auf und wusste, es gab nur einen Weg diesem Dilemma zu entkommen. Er musste sich mit Anastasia Steele auseinandersetzen. Nach seinen Regeln, nach seinem Willen, nach seinem Zeitplan.
Christian hatte seinen Sicherheitschef, Taylor, nach dem Interview gebeten alles Wissenswerte über Anastasia Steele herauszufinden.
Sie kam aus eher bescheidenen Verhältnissen, ihre Mutter schien ein Vogel frei wie der Wind zu sein, ihr Vater recht früh verstorben. Laut dem Dossier, dass er las als Taylor sie beide in Richtung Portland chauffierte, lebte Anastasia für ihr Studium, besaß einen sehr überschaubaren Freundeskreis und war mit keinem jungen Mann in einer Beziehung, wie es in ihrem Alter sonst so üblich war. Wenn man den Aussagen der anderen Studierenden am Campus Glauben schenken konnte, führte Anastasia mehr ein Schattendasein als ein ausschweifendes Studentenleben. Das passte zu seinem ersten Eindruck den er von ihr während des Interviews bekommen hatte. Sie war eine faszinierende junge Frau, mit vielen Gedanken, die sie jedoch zurückhaltend und schüchtern meist für sich behielt. Die Aura der Unschuld und damit einhergehenden Verletzlichkeit ließen ihn nicht mehr los. Er sorgte sich um sie in einem Maße, was ihm als flüchtiger Bekannter nicht auch nur annähernd zustand. Und doch, musste er sich selbst davon überzeugen, dass Anastasia Steele sich bester Gesundheit erfreute. Nachdem sein Termin bei der landwirtschaftlichen Abteilung der Washington State University zu Ende war, wies er Taylor an, ihn zu dem Baumarkt in dem Anastasia arbeitete zu fahren. Er wusste, dass er Sie um diese Zeit bei ihrer Arbeitsstelle finden würde. Taylor war sehr gewissenhaft in seinen Recherchen, also bat er seine rechte Hand ihn genau dorthin zu fahren. Sein Sicherheitschef war wie immer schweigsam und wenn er sich fragte, was sein Boss in einem Baumarkt in Portland zu finden gedachte, so behielt er seine Gedanken bei sich.
Schließlich kamen sie an ihrem Ziel an und Taylor machte es sich auf seinem Fahrersitz bequem. „Ich bin in dreißig Minuten wieder hier.“ Murmelte Christian, wartete das leichte Nicken seines Sicherheitschefs ab und schlenderte langsam auf den Baumarkt zu. Er brauchte nicht lange nach Anastasia zu suchen und kam in den Genuss ihr unbemerkt bei der Arbeit zusehen zu dürfen. Sein Herz stolperte und begann zu rasen, als er ihr dabei zusah, wie sie Listen abglich, zwischendurch immer wieder in einen Bagel biss und sich auf die Unterlagen und den Computer konzentrierte. Er runzelte seine Stirn. Kein Wunder, dass sie so schlank war, wenn sie sich nicht einmal ein anständiges Mittagessen gönnte, während sie Pause machte. Zorn überflutete ihn, darüber, dass sie nicht mehr auf sich und ihren Körper achtgab. Plötzlich flog ihr Kopf nach oben und ihre großen, ausdrucksstarken Augen fanden seinen Blick und fixierten ihn an Ort und Stelle. Selbst wenn er gewollt hätte, es wäre ihm nicht möglich gewesen sich zu bewegen.
„Miss Steele, was für eine angenehme Überraschung.“ Seine Stimme verriet nichts von seinem inneren Auffuhr. Gut.
Anastasia schöpfte tief Atem. Was zur Hölle wollte ER hier?! Mit seinen vom Wind zerzausten Haaren, dem cremefarbenen Pullover, der Jeans und seinen kostspieligen, bequem aussehenden Schuhen wirkte er wie der Inbegriff eines lässigen Wanderers. Sie öffnete den Mund, doch kein Ton kam hervor, so dass sie ihn wieder schloss und einen neuen Anlauf nahm. „Mr. Grey.“ War alles was Anastasia zustande brachte. Sie konnte nicht glauben, dass der Mann, um den ihre Gedanken unablässig kreisten hier vor ihr stand.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er ihre Verwirrung erkannte. „Ich war hier zufällig in der Gegend und da ich noch einige Dinge benötige und mir zu Ohren kam, dass Clayton`s einen hervorragenden Bestand und eine große Auswahl an Materialien hat, dachte ich, ich gucke mich hier einmal um.“ Dass sie die Hauptattraktion für ihn hier in diesem Laden war verschwieg er wohlweislich.
Seine Stimme klang, warm und verführerisch wie dickflüssiges Schokoladenkaramell. Unter Christians durchdringendem Blick begann ihr Herz doppelt so schnell zu schlagen wie sonst und ihre Wangen färbten sich tiefrot. In Natura sah er noch besser und attraktiver aus als in ihrer Erinnerung. Für sie war er der Inbegriff von männlicher Schönheit. Und er stand HIER inmitten von Clayton’s Baumarkt. Wie verrückt würde dieser Tag denn noch werden. „Ana. Jeder nennt mich Ana. Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Grey?“
Christians Lächeln kam Anastasia geheimnisvoll und amüsiert zugleich vor. Sie nahm tief Luft und schwieg einige Sekunden verunsichert. Warum überkam sie bei Christian immer das Gefühl irgendeinen Witz verpasst zu haben? Anastasia sammelte sich, setzte ihre professionelle Verkäuferinnenmiene auf und versuchte sich daran zu erinnern, dass Clayton’s ihre Domäne war und sie hier die kompetente Fachkraft war, nicht umgekehrt.
„Ich benötige einige Dinge, unter anderem Kabelbinder.“ Wofür zum Teufel brauchte Christian Grey denn Kabelbinder? Nun gut, das ging sie nichts an. Er war ein zahlender Kunde, wie alle anderen auch. „Wir führen unterschiedliche Längen. Darf ich sie Ihnen zeigen?“ Das leichte Zittern in ihrer Stimme ärgerte sie maßlos. Christian runzelte die Stirn. „Gern, Miss Steele.“
Anastasia schloss den Ordner mit den Bestellungen, trat hinter der Theke hervor und versuchte so lässig wie möglich zu wirken. Sie konzentrierte sich nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern, was schwierig war, denn ihre Knie wackelten bedenklich und schienen aus Pudding zu bestehen. Zumindest über ihre Kleidung machte sie sich keine Gedanken, Ana trug heute ihre beste, sprich neueste Jeans. „Gang Acht, bei den Elektroartikeln“ wies sie ihm ein wenig zu forsch den Weg und sah Christian Grey an. Ihr blieb die Luft weg, da sein Charme sie mit voller Wucht traf. Noch nie war sie einem attraktiveren Mann begegnet.
Während Anastasia voranging überschlugen sich ihre Gedanken. Warum war er hier in Portland und was bitte verschlug ihn zu Clayton’s? Plötzlich trommelte ihr Herz heftig in ihrer Brust. War Christian Grey extra nach Portland gefahren, um sie erneut zu sehen? Eine ganze Armee von Schmetterlingen begab sich in ihrem Bauch auf Wanderschaft. Die Hoffnung stieg in ihr auf wie schäumender Champagner in einem Glas, doch Anastasias Verstand versetzte ihr einen Dämpfer. Warum sollte ein Mann, dem jede Frau der Welt zu Füßen lag, ausgerechnet sie sehen wollen?
„Sind Sie geschäftlich in Portland?“ zähmte Ana ihre brennende Neugier. Sie klang leicht atemlos und sie sah ihn nicht an, so dass er nicht bemerkte, wie sehr seine Antwort Ana interessierte. Cool bleiben war ihre Divise.
„Oh, ich habe eben die landwirtschaftliche Abteilung der Washington State in Vancouver besucht, weil ich deren Forschungsarbeit über die Bodenbeschaffenheit und wechselnde Bewirtschaftung von Feldern finanziell unterstütze.“ Seine Antwort kam sachlich und flüssig über die Lippen und Anastasia musste enttäuscht feststellen, dass nicht sie der Grund war, weshalb Christian nach Portland gekommen war.
„Gehört das zu Ihrem Welternährungsprogramm?“ erkundigte Ana sich höflich. „So in etwa.“ Stimmte er ihr zu und seine Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln, dass ihr den Atem stocken ließ.
Mittlerweile waren sie bei dem Regal mit den Kabelbindern angekommen und Christian widmete ihnen seine Aufmerksamkeit. Anastasia stand still daneben und wunderte sich, was ein Mann wie Christian Grey bloß damit anstellen wollte. Sie konnte ihn sich beim besten Willen nicht als Heimwerker vorstellen. Seine langen Finger glitten über die einzelnen Packungen, bevor sie bei einer verharrten. Er bückte sich und wählte sie aus. „Diese.“ Er tippte mit dem Finger nachdrücklich nochmals auf die ausgewählte Marke und Anastasia entnahm sie dem Regal. „Benötigen Sie sonst noch etwas?“ „Ja, Kreppband.“ „Du meine Güte, haben Sie jemanden umgebracht oder möchten Sie bei sich zu Hause streichen?“ platzte es aus ihr heraus. Das von ihm ausgewählte Material ergab für Anastasia keinen Sinn. Zumal er für solche Arbeiten mit Sicherheit Handwerker beschäftigte.
„Nein, das möchte ich nicht.“ Sein breites Grinsen konnte nur als anzüglich bezeichnet werden.
Anastasia überkam das untrügliche Gefühl, dass er sich einmal mehr über sie lustig machte. Was fand er nur derart komisch, oder klebten noch Krümel vom Bagel in ihrem Gesicht? Verstohlen sah sie sich nach einer spiegelnden Oberfläche um, fand jedoch keine.
„Zum Kreppband geht es hier entlang. Wir müssen zum Malerbedarf.“ Nuschelte sie verlegen und lotste ihn in die von ihr vorgegebenen Richtung.
„Arbeiten Sie schon lange hier?“ fragte Christian nach einer Weile. Anastasia bemerkte, wie ihre Wangen verdächtig heiß wurden und verfluchte die Angewohnheit bei persönlichen Fragen zu erröten. Warum nur hatte ausgerechnet Christian Grey die Gabe, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie wieder eine linkische Vierzehnjährige war, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hatte.
„Seit vier Jahren bin ich jetzt bei Clayton’s. murmelte sie leise und griff nach verschiedenen Rollen des Kreppbandes, als sie bei dem Regal ankamen, wo diese fein säuberlich aufgereiht und eingeräumt waren. Ana wartete gespannt darauf, welche Rolle Christian davon auswählte. „Diese Ausführung, bitte!“ bestimmte er und deutete auf die breitere Rolle der beiden. Anastasia gab sie ihm, dabei berührten sich kurz ihre Hände und wie schon am Tag des Interviews knisterte um sie beide herum die Luft vor erotischer Spannung. Anas Bauchmuskeln zogen sich vor heftiger Begierde zusammen und sie versuchte verzweifelt ihre Fassung zu wahren. „Darf es sonst noch etwas sein?“ krächzte sie würdelos und hätte sich wegen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung ohrfeigen können. Christians Puppillen weiteten sich bei ihrer Frage. „Ein Seil, denke ich.“ Auch seine Stimme klang rauh, kehlig. Wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. „Wir führen Seile aus synthetischen und natürlichen Fasern, Taue, Kordeln.“ Anastasia sprach ohne Christian anzusehen, sonst wären ihr die Worte im Hals stecken geblieben. Er hatte etwas an sich, was sie kopflos werden ließ und sie nicht mehr vernünftig denken konnte. „Fünf Meter von dem Naturfaserseil bitte.“ Sie blickte in seine Augen, die sofort eine dunklere Schattierung annahmen, als er sie eindringlich musterte. Ihre Knie wurden wieder weich, während sie ihn durch das Labyrinth von Regalen zu den Seilen führte. Mit zitternden Fingern maß sie fünf Meter des gewünschten Seils ab.
Was würde jetzt noch passieren. Ana war nervöser als jemals in ihrem Leben zuvor. Sie griff nach ihrem Cuttermesser, dass sie während ihrer Arbeitszeit immer in der Gesäßtasche der Jeans bei sich trug, schnitt das Seil ab und verschlang es zu einem Schlippstek. Ohne Zwischenfälle oder ein paar Finger zu verlieren. Sie war stolz auf sich selbst.
Christian beobachtete fasziniert ihr tun. „Waren Sie bei den Pfadfindern?“ kommentierte er ihr Geschick und grinste derart anzüglich, dass Anastasia schnell den Blick von seinen sinnlichen Lippen abwandte, bevor sehr eindringliche und erotische Bilder vor ihrem inneren Auge entstehen konnten. „Organisierte Gruppenaktivitäten sind nicht mein Ding, Mr. Grey.“ Murmelte sie schüchtern. „Was ist denn dann ihr Ding, Anastasia?“ Erneut blitzte dieses Geheimnisvolle Lächeln auf, dass nur für sie bestimmt schien.
Anastasia war es nicht gewöhnt, ihren Begierden und Sehnsüchten derart schutzlos ausgeliefert zu sein und schwieg einige Sekunden. In diesem Augenblick, hier und jetzt, wollte sie diesen Mann mit einer Vehemenz, die sie noch nie gegenüber einem Mann empfunden hatte. „Bücher.“ Flüsterte sie schließlich leise. Christian legte seinen Kopf schief und sah wie ein kleiner, unschuldiger Schuljunge aus. „Was für Bücher bevorzugen Sie, Anastasia?“ fragte er neugierig und Ana kam der Gedanke, warum ihn das interessieren könnte, wagte aber nicht danach zu fragen.
„Hauptsächlich Klassiker der britischen Literatur.“
Nachdenklich strich sich Christian mit dem Zeigefinger und dem Daumen über das Kinn, eine Geste die Anastasia nicht zu deuten wusste. Betrieb er nur aus Höflichkeit Konversation oder langweilte ihn das Gespräch? Anastasia beschloss dem ein Ende zu bereiten, bevor es für sie noch peinlicher werden würde. „Benötigen Sie sonst noch etwas?“ „Könnten Sie mir noch etwas empfehlen?“ Christian schien nicht gewillt sie so schnell vom Haken zu lassen und Anastasia hätte sich erneut ohrfeigen können, überhaupt gefragt zu haben. Sie würde sich komplett zur Idiotin machen, wenn sie nicht schnellstmöglich Distanz zwischen sich und Christian brachte.
Seine Frage brachte sie etwas aus dem Konzept. Normalerweise wusste Sie, wofür ihre Kunden die Materialien, die sie kauften, benötigten. Christian Grey schwieg sich über seine Absichten aus. Überhaupt gab er sehr wenig von sich preis. „Von den Werkzeugen?“ er nickte und ihr schoss ein Gedanke durch den Kopf. „Dann benötigen Sie zunächst einen Overall.“ Christian hob fragend eine Augenbraue. „Damit Ihre Kleidung nicht beschmutzt oder ruiniert wird.“ Verwundert schüttelte sie den Kopf. Dass sie nicht zuerst daran gedacht hatte. „Ich könnte sie auch ausziehen!“ Eindeutig zu viel an Information, dachte Anastasia, bemerkte wie sich ihre Wangen erneut tiefrot färbten, als sich ungewünschte Bilder eines nackten Christian Grey vor ihren Augen zeigten.
Sie unterdrückte ein Keuchen und presste stattdessen die Lippen zusammen. Anastasia nahm sich fest vor kein Wort mehr von sich zu geben. „Na dann einen Overall, damit ich mir meine Kleidung nicht ruiniere.“ Der Spott in seiner Stimme brachte Anastasia wieder zur Besinnung. „Benötigen Sie sonst noch etwas?“ krächzte sie und reichte ihm einen blauen Overall.
Er überging ihre Frage „Wie kommen Sie mit dem Artikel voran?“ Ein Themenwechsel bemerkte Anastasia erleichtert, ohne Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, mit denen sie nichts anfangen konnte. „Den Artikel schreibt Katherine, Miss Kavanagh, meine Mitbewohnerin. Schließlich ist sie die Herausgeberin der Studentenzeitung. Sie war außer sich, weil sie das Interview nicht selbst führen konnte, da ist es das mindeste was ich für sie tun kann, ihr die Ausarbeitung des Artikels zu überlassen.“ Endlich konnte Anastasia wieder normal atmen, die Gesprächsführung war wieder auf gewohntem Terrain gelandet und sie fühlte sich zunehmend wohler. „Sie findet es nur schade, dass sie keine aktuellen Fotos von Ihnen bekommen hat. „Was für Fotos würden Miss Kavangh denn zusagen?“ Mit dieser Antwort hatte Anastasia nicht gerechnet, eher mit dem Verweis an die Pressestelle von Grey Enterprises. Verlegen zuckte sie mit den Achseln. „Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung was Katherine, Miss Kavanagh, sich vorgestellt hat.
„Ich bleibe für einige Tage in der Gegend. Vielleicht könnte ich es morgen einrichten….“ Christian brach mitten im Satz ab und schien nachzudenken. Wahrscheinlich sortierte er seine Termine und überlegte wo er einige Zeit für ein Shooting unterbringen konnte.
„Sie wären tatsächlich für ein Fotoshooting bereit? Kate wird ausflippen vor Freude. Vorausgesetzt ein Fotograf kann so kurzfristig den Termin einschieben.“ Anastasias Stimme überschlug sich vor Freude darüber, ihrer Freundin einen Wunsch erfüllen zu können.
Christian öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte hervor und für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er vollkommen verloren. Der Augenblick war so schnell vorbei, dass sich Anastasia sicher war sich das alles nur eingebildet zu haben.
„Wenn Sie es einrichten können, sagen Sie mir bitte rechtzeitig Bescheid, ob ein Termin mit ihrer Freundin möglich wäre, am besten vor zehn Uhr früh.“ Er reichte ihr eine exklusive Visitenkarte. „Meine Handynummer steht auf der Rückseite.“ Anastasia nahm das edel wirkende Stück Karton in ihre Hand. „Okay.“ Presste sie hervor.
„Ana!“ Diese Stimme hätte sie überall erkannt und sie drehte sich erwartungsvoll um. Paul, der jüngere Bruder von Mr. Clayton, war am anderen Ende des Ganges aufgetaucht. Ihr war schon zu Ohren gekommen, dass er zu Besuch zu Hause war, er studierte in Princeton, und hatte sich gefragt, wann er wohl im Geschäft vorbeikommen würde.
„Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, Mr. Grey.“ Er runzelte die Stirn, doch Anastasia eilte schon auf Paul zu. Sie mochte den Bruder von Mr. Clayton, er war der Kumpeltyp, unkompliziert, immer gut gelaunt. Eine willkommene Abwechslung zu dem geheimnisvollen, reichen und mächtigen Mann, den sie einfach sich selbst überließ.
Paul umarmte sie herzlich zur Begrüßung. „Ana, schön dich zu sehen! Du siehst gut aus, wirklich gut.“ Er lächelte sie fröhlich an und legte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schultern. „Hey, Paul, das Kompliment kann ich zurückgeben, du siehst fabelhaft aus! Was bringt dich zurück? Der Geburtstag deines Bruders?“ „Jep!“ bestätigte Paul und Anastasia kicherte albern, bis ihr Blick auf Christian fiel, der sie mit verschränkten Armen vor der Brust beobachtete.
Verlegen befreite sie sich aus der Umarmung, die einen Tick zu vertraulich wirkte, typisch Paul eben.
Ihr gefiel dieser kühle, distanzierte Christian Grey noch weniger als der anzügliche und spöttisch wirkende Christian. „Paul, du hast mich gerade bei einem Verkaufsgespräch unterbrochen“ lächelte Anastasia. „Darf ich dir den Kunden vorstellen?“ Sie wusste, dass es feige war, aber sie benutzte Paul, um der Feindseligkeit, die sich in Christians Augen spiegelte und sie förmlich versengte, zu entkommen. Sie zog Paul mit sich, ohne seine Zustimmung abzuwarten und die beiden Männer musterten sich gegenseitig. Ihre Abneigung gegeneinander hing spürbar in der Luft und mit einem Mal schien es, als würden sie in der Arktis stehen und nicht in Clayton’s Baumarkt. Sie machte die beiden miteinander bekannt. „Paul, das ist Mr. Grey.“ Er nickte Christian frostig zu und Christian erwiderte den Gruß mit einem äußerst knappen nicken des Kopfes. Aus ihr unerfindlichen Gründen bekam Anastasia das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen. „Ich kenne Paul schon lange, aber wir sehen uns nicht oft, weil er in Princeton Business Administration studiert…“ Sie biss sich auf die Lippen, während die Männer sich die Hände reichten. „Mr. Grey!“ „Mr. Clayton.“ Aus Christians undurchdringlichen Gesichtszügen wurde Anastasia nicht schlau. „Moment mal, doch nicht etwa Christian Grey von Grey Enterprises?“ polterte Paul plötzlich los. Er wirkte zutiefst beeindruckt. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Christian verzog seine Lippen zu einem Lächeln, dass nicht seine Augen erreichte. Er schien Paul regelrecht zu verabscheuen. „Danke, aber nein. Anastasia ist eine sehr aufmerksame Verkäuferin, Mr. Clayton.“ Seine Stimme klang ruhig, doch Ana bekam den Eindruck, dass bei seinen Worten eine Botschaft mitschwang, die sie nicht einordnen konnte.
Paul räusperte sich. „Okay, dann bis später, Ana.“ Er nickte Christian kurz zu und verschwand in Richtung Lager.
„Kann ich Ihnen sonst noch behilflich sein, Mr. Grey?“ „Das wäre dann alles, Danke.“ Christians Stimme klang abweisend und Kühl. Sofort fühlte sich Anastasia schlecht, was hatte sie denn falsch gemacht? Was war sein Problem? Sie versuchte sich zu beruhigen und führte ihren Kunden, denn nichts anderes war Christian Grey, zur Kasse.
Das Schweigen zwischen den beiden zog sich in die Länge und Anastasia gab die Preise für das Seil, den Overall, das Kreppband und die Kabelbinder in die Kasse ein. „Das macht dreiundvierzig Dollar.“ Sie sah ihm direkt in die Augen, was sie komplett aus der Fassung brachte, denn er beobachtete sie wie ein Falke seine Beute. „Soll ich die Dinge in eine Plastiktüte verpacken?“ „Ja, bitte, Anastasia!“ Seine Stimme liebkoste ihren Namen, und ihr Herz setzte kurz aus. Hastig verstaute sie die Sachen in einer Tüte, die mit dem Logo von Clayton’s bedruckt war.
„Sie rufen mich an, wenn Sie über den Fototermin Bescheid wissen?“ Christian Grey war plötzlich wieder ganz der Geschäftsmann. „Anastasia nickte. Mit Christians Tempo und seinen wechselnden Stimmungen kam sie nicht mit und sie gab ihm wortlos die Kreditkarte zurück. „Dann vielleicht bis morgen.“ Er wandte sich zum Gehen, drehte sich noch einmal um. „Und Ana: Ich bin froh, dass Sie und nicht Miss Kavanagh das Interview geführt haben.“ Mit energischen Schritten verließ er den Laden und ließ sie zitternd und sprachlos zurück. Mehrere Minuten starrte sie auf die geschlossenen Türen des Geschäfts, durch die er verschwunden war.
Sie musste sich eingestehen, dass sie Christian Grey mochte. Es hatte keinen Sinn sich noch länger etwas vorzumachen. Er war attraktiv, sehr sogar und sie seufzte schwärmerisch auf. Natürlich war es nur Zufall, dass er den Weg ins Clayton’s gefunden hatte und sie auch noch im Dienst war. Es war ohnehin besser Christian Grey aus der Ferne anzuhimmeln. Ungefährlicher. Vernünftiger. Verdammt, sie musste einen Fotografen für morgen auftreiben, dann könnte sie ihn wiedersehen. Anastasias Gesicht glühte wie das einer Vierzehnjährigen, die ihrem Idol gegenüberstand. Schließlich riss sie sich zusammen und rief Kate an, um ihr von dem Fototermin zu erzählen.
Währenddessen verstaute Christian seine Einkäufe im Kofferraum des Mercedes, während Taylor auf weitere Instruktionen wartete.
Christian konnte noch keine Anweisungen erteilen. Anastasia zu sehen hatte ihn vollkommen aus der Bahn geworfen. Wieder einmal, wie er verärgert feststellte. Was war an ihr nur derart besonders, dass er jedes Mal, wenn er sie sah den Boden unter den Füßen verlor? Und wer war überhaupt dieser Paul Clayton? Dieser Typ konnte nicht eine Sekunde die Finger von ihr lassen und was noch schlimmer war, Anastasia, SEINE ANA, hatte es zugelassen. Seine Wut darüber, war über ihn gekommen wie ein Tornado über das Festland und hatte ihn vollkommen unvorbereitet getroffen. Beinahe hätte er Paul eine Lektion inmitten seines eigenen Geschäftes erteilt. Diese Frau ließ ihn alles vergessen, was Christian Grey ausmachte. Er selbst hatte Christian Grey aus dem Nichts erschaffen, dafür gesorgt, dass jeder in ihm nur das sah, was er sie sehen lassen wollte. Bei Anastasia funktionierte das jedoch nicht. Eine finstere Stimmung ergriff von ihm Besitz und ein Druck baute sich in seinem inneren auf. Er benötigte unbedingt ein Ventil, um wieder er selbst zu werden. Und er wusste auch schon wie ihm das Gelingen würde. „Fahr zurück ins Heathman, Taylor und dann haben Sie den Rest des Tages frei!“ „Sehr wohl, Mr. Grey!“ Taylor startete den Wagen und fuhr zum Hotel.







Liebe Kira, das freut mich, dass dir das gefällt. Ich versuche mein Mindset dieses Jahr mal umzupolen. Das Positive in…