50 Shades of Grey – My View Kapitel 4

DISCLAIMER: Die Charaktere von 50 Shades of Grey gehören ausschließlich E. L. James. Ich verdiene kein Geld damit und habe auch sonst keinen finanziellen Nutzen davon.

FSK 18! Die Story ist für Kinder und jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet.

Verdammt, warum küsste Christian sie nicht? Anastasia lag vollkommen gefangen und unfähig sich zu rühren in seiner Umklammerung. Christians Mund zog ihren Blick noch immer magisch an und Anastasia wurde von einem heftigen Verlangen überrollt. Noch nie hatte sie derart heftige Gefühle für einen Mann gespürt. Auch Christian rang um Selbstbeherrschung, er zitterte am ganzen Leib und sein Atem kam in heftigen Stößen über seine Lippen, die sich verführerisch teilten. Anastasia neigte ihren Kopf unmerklich zur Seite, doch Christian schüttelte leicht den Kopf und beantwortete so die unausgesprochene Frage, die zwischen ihnen beiden stand.

Christian schloss ergeben die Augen. Der Anblick von Anastasias rosig angehauchten Wangen und der Ausdruck vollkommener Unschuld, gepaart mit heftiger Begierde war zu viel für ihn. Er betete um Kraft und drängte entschlossen seine Empfindungen zurück. Hier war weder der richtige Ort noch die perfekte Zeit für das, was er mit Anastasia gerne anstellen würde. Sie war noch nicht einmal die Art Frau, die er sonst für seine geheimen Leidenschaften bevorzugte.

Als er seine Augen wieder öffnete lag ein Ausdruck stählerner Entschlossenheit darin.

„Du solltest dich von mir Fernhalten, Anastasia. Ich bin nicht das was du in deinem Leben brauchst.“ Er schwieg kurz bevor er fortfuhr. „Ich bin nicht gut genug für dich!“ presste er hervor, da ihm die Worte im Hals stecken zu bleiben drohten. Er konnte die heillose Verwirrung in Anastasias Augen erkennen und ertrug diese kaum. „Komm, ich helfe dir hoch!“

Ana mochte diesen kalten und aalglatten Christian Grey nicht, der soeben in Erscheinung trat. Sie bekam eine Ahnung davon, dass Christian Greys Persönlichkeit mehr Facetten besaß als eine Farbpalette eines Malers der eine Leinwand mit Leben zu füllen versuchte.

Als sie schließlich wieder auf ihren eigenen Füßen stand, ruhten Christians Hände einen Moment auf ihren Schultern und er musterte sie aufmerksam. Trotz des leichten Körperkontaktes fühlte Anastasia sich meilenweit von Christian entfernt. Ihr war kalt, sie vermisste seine wohltuende, schützende Umarmung, seinen wärmenden Körper. Ein weiteres Gefühl, dass Anastasia in dieser Intensität niemals gespürt hatte, machte sich in ihr breit: Einsamkeit. Sie musste krampfhaft ein hysterisches Lachen unterdrücken, schließlich wollte sie nicht, dass Christian sie für übergeschnappt hielt. Wie konnte sie sich derart allein fühlen, wenn er direkt vor ihr stand. Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schock. Der sehr unschöne Gedanke über seine Zurückweisung schoss ihr durch den Kopf und das Gift der Abweisung und Enttäuschung sickerte in ihr Herz. Er hatte sie gar nicht küssen wollen! Christian begehrte sie weder, noch wollte er ihr nahe sein.

Bestürzt über diese Erkenntnis stolperte Anastasia einige Schritte zurück, wieder bedenklich nahe an die Gehsteigkante. Nur Christians Hände, die sie ein wenig fester an der Schulter packten, hielten sie davon ab, erneut auf die Straße zu stürzen. „Ich habe verstanden!“ flüsterte sie leise und schlug gedemütigt ihre Augen nieder. „Danke!“ presste Anastasia noch hervor, bevor ihr die Stimme versagte.

„Wofür denn?“ Ana hob ihren Blick und sah den ratlosen Ausdruck in Christians wunderschönen Augen. Er runzelte die Stirn und wartete offensichtlich auf eine Erklärung.„Danke dafür, dass du mich gerettet hast!“ Anas Stimme war kaum durch den Straßenverkehr und die umhereilenden Menschen um sie herum zu hören.„Dieser Idiot ist in die falsche Richtung gefahren. Zum Glück war ich zur Stelle. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was alles hätte passieren können.“Erneut wurde Anastasia von Christian eindringlich gemustert, sie konnte nur hoffen, dass er ihre Nervosität und Niedergeschlagenheit auf den Unfall zurückführte.

„Sollen wir uns im Hotel in die Lobby setzen, damit du ein wenig zu dir kommen kannst?“

Anastasia schüttelte heftig den Kopf. Sie wollte nur noch weg und allein sein. Christians Hände sanken von ihren Schultern herab und nun war es an ihm einen Schritt zurückzuweichen.

Anastasia vermochte seinen Gesichtsausdruck nicht zu deuten. Ehrlich gesagt war ihr das Gefühlsleben des Christian Grey in diesem Augenblick herzlich egal, schließlich hatte sie mit ihrem gerade genug zu tun. All ihre vagen, nicht in Worte gefassten Hoffnungen, die sie in ihrem Herzen eingeschlossen hatte, waren eben zerschlagen worden. Wie konnte sie nur dem Glauben verfallen, ein Mann wie Christian Grey würde sie begehren? Anastasia schlang die Arme eng um ihren Oberkörper und stellte erleichtert fest, dass die Ampel sich dazu entschlossen hatte, endlich auf Grün umzuspringen.

Christian folgte Anastasia, die hastig die Straße überquerte und fragte sich ernsthaft, was in dem Kopf des jungen Mädchens vor sich ging. Ja, er wusste, sie beide hätten sich eben küssen können. Wahrscheinlich war Anastasia überzeugt davon, dass es der perfekte Augenblick gewesen wäre, nachdem der Held die holde Maid aus ihrer hilflosen Lage befreit hatte. Er lächelte leicht, während er Anastasia folgte. Genau diese Vorstellung würde zu der heillos romantischen jungen Frau passen. Nur war er leider kein Held, eher das Gegenteil davon. Er wusste nur nicht, wie er Anastasia genau das vermitteln sollte, ohne zu viel von sich Preis geben zu müssen.

Kurz vor dem Hotel stoppte Anastasia und drehte sich zu ihm herum, die Arme fest vor ihrer Brust verschränkt. „Danke für den Tee und das Fotoshooting.“ Murmelte sie.

„Anastasia…ich…“ Wieder einmal versagte Christian die Stimme. wie so oft in Anastasias Gegenwart. Er kam sich in ihrer Nähe häufig unbeholfen und ungelenk vor, als sei er ein pickliger Teenager, der sich in das coolste Mädchen der Highschool verliebt hatte. Deshalb schwieg er viel in Anas Gesellschaft und da sie auch nicht gerade redselig war, verliefen ihre spärlichen Zusammentreffen bisweilen sehr schweigsam.

Anastasia hob fragend und erstaunt eine Augenbraue. Der besorgte Tonfall in seiner Stimme besänftigte ihr angeknackstes Selbstbewusstsein ein wenig.

Christian fuhr sich verlegen durch die Haare, eine Geste, die ihr schon häufig aufgefallen war, besonders in Verbindung mit der Sprachlosigkeit, die meist darauffolgte. Seine grauen Augen blickten sie düster an und nichts an Christian erinnerte an die sorgfältig aufgebaute kultivierte Persönlichkeit, die die Öffentlichkeit sonst von ihm zu sehen bekam.

„Was, Christian?“ Anas Tonfall war schärfer als beabsichtigt, sie war schließlich auch nur ein Mensch. Sie wollte in das Auto von Kate steigen und für sich ganz allein sein, ihre schmerzenden Wunden lecken und hoffen, dass die Zurückweisung bald nur noch eine dunkle Erinnerung in ihrem Leben sein würde.

 

„Viel Glück bei den Prüfungen.“ Wünschte Christian ihr und er strahlte eine Traurigkeit aus, die so gar nicht zu seinen Worten passte.

Was sollte sie bitte darauf antworten? „Danke!“ Das Wort triefte nur so vor Sarkasmus. Doch es war Anastasia egal. „Auf Wiedersehen, Mr. Grey.“ Schob sie eilig ein wenig freundlicher hinterher und drehte sich herum. Überraschenderweise erreichte sie die Tiefgarrage des Hotels, ohne über ihre eigenen Füße zu stolpern.

Was bitte hatte er denn da von sich gegeben? Christian starrte fassungslos Anastasia hinterher, die in der Tiefgarage und somit aus seinem Blickwinkel verschwand. Sie musste ihn für geistig unterbelichtet halten. „Verdammter Mist!“ fluchte Christian laut und erschreckte eine ältere Dame, die ein paar Schritte zur Seite wich, als sie an ihm vorbei gehen musste. Dabei starrte sie ihn so strafend an, dass er sich vorkam wie vor Gericht. „Verzeihung, Madam!“ murmelte er und ging mit großen Schritten auf den Eingang des Hotels zu. Wieder einmal hinkte er seinem Terminplan hinterher, war viel zu knapp dran und würde sich zu seinem nächsten Termin verspäten.

Sobald Anastasia die kalte und dunkle Betonhölle, die sich Tiefgarage schimpfte, erreichte, stützte sie sich gegen einen der massiven Stützpfeiler und lehnte ihren Kopf gegen die kalte Betonwand. Schließlich verließ Ana das letzte bisschen Kraft und sie sank auf den kalten Boden, winkelte ein Knie an und legte ihre Wange darauf, während ihr die Tränen aus den Augen schossen. Der Schmerz über die Zurückweisung von Christian saß tief und dass sie sich selbst eine Närrin schalt half nicht im mindesten. Sie machte sich noch kleiner, in der Hoffnung der Schmerz würde mitschrumpfen. Doch sie irrte sich. Sie schluchze hemmungslos und weinte sich den Verlust ihres Traumes endlich einen Mann gefunden zu haben, dem sie genug war, von der Seele. Es war von Anfang an aussichtslos gewesen, das erkannte Ana in diesen dunklen Minuten in der spärlich von Neonröhren beleuchteten Tiefgarage.

Es tat nur so weh. Auf diese Art war sie noch nie zurückgewiesen worden. Anastasia war immer die letzte gewesen, die gewählt wurde, wenn es beim Mannschaftssport um die Zusammenstellung der Teams ging. Das konnte sie sogar verstehen. Laufen und gleichzeitig einen Ball zu werfen oder zu dribbeln, das war überhaupt nicht ihr Ding gewesen. Auch heute versuchte Ana Sport zu meiden wo es nur möglich war. Auf dem Sportplatz war sie nicht nur eine absolute Niete, nein sie stellte definitiv eine Gefahr für ihre Mitmenschen dar.

Was die Liebe betraf war Anastasia immer schon sehr zurückhaltend gewesen, was vor allem an ihrem mangelnden Selbstbewusstsein lag, weshalb sie schon seit jeher sehr unsicher aufgetreten war. Ana fühlte sich zu linkisch, zu blass, zu dünn….Die Liste hätte sie ohne Probleme endlos fortsetzen können. Aus diesen Gründen wies sie jeden potenziellen Verehrer ab. In ihrem Chemiekurs gab es einen jungen Mann, der sich offensichtlich für Anastasia interessierte und sie mochte, doch Ana musste zugeben, dass sie niemals an einem Jungen Interesse gespürt hatte oder dieses viel beschriebene Kribbeln im Bauch auch nur ansatzweise wahrnahm. Außer bei Christian Grey. Bei ihm hatte Anastasia eine ganze Armada von Schmetterlingen im Bauch, ihr wurde heiß und kalt und dieses Wunderbare Gefühl in seiner Nähe, dass einem Rausch glich. Doch Christian wollte sie nicht und vielleicht war es an der Zeit sich Männern wie Paul Clayton oder José Rodriguez zuzuwenden, obwohl keiner der beiden wegen ihr heulend auf einem schmutzigen und kalten Betonboden sitzen würde und bittere Tränen wegen ihrer Zurückweisung vergoss, wie sie es hier wegen Christian Grey tat.

Selbstmitleid brachte sie nicht weiter. Sie musste aufhören darin zu baden, aufstehen, nach Hause fahren und sich in die letzten Vorbereitungen zu ihrer Abschlussprüfung stürzen. Es war Zeit sich zusammenzureißen. Anastasia erhob sich, klopfte den Staub von ihrer Hose und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie beschloss keinen Gedanken mehr an Christian Grey zu verschwenden und diese unschöne Erfahrung in den hintersten Winkel ihres Herzens zu sperren. Männer lenkten einen nur ab und Anastasia dachte nicht daran sich wegen ihres Liebeskummers die Prüfungen zu versauen. Darauf würde sie sich nun konzentrieren, die Prüfung zu bestehen, alles andere musste warten.

Völlig fertig und mit einem sehr dünnen Nervenkostüm kam Anastasia nach einer schier endlosen Autofahrt zu Hause an. Als sie in die Wohnung hereinkam drehte sich Kate zu ihr herum. Ihre Freundin saß mit ihrem Laptop am Esstisch und Ihr Begrüßungslächeln erstarb binnen einer halben Sekunde, als sie Anastasias Gemütszustand mit einem Blick erfasste. „Anastasia, was ist los?“

Ana schüttelte nur den Kopf. Sie war nicht bereit für ein Verhör a lá Katherine-Kavanagh. Doch es nützte nichts, es gab kein Entkommen.

„Du hast geweint.“ Stellte sie fest und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. „Was hat das Schwein dir angetan?“ Kate Gesichtszüge verzerrten sich vor Wut und Anastasia bekam es mit der Angst zu tun, als sie ihre beste Freundin betrachtete. So außer sich hatte sie Kate noch nie erlebt.

„Nichts, Kate!“ murmelte sie und zuckte mit den Schultern. Wie sollte Ana Kate klar machen, dass genau dieses „Nichts“ das Problem war? Ein spöttisches Lächeln umspielte Anastasias Lippen bei diesem Gedanken. Sie war wohl die erste Frau, die von einem Date nach Hause kam und sich derart wegen dem „Nichts“ fertig machte.

„Du weinst doch sonst nie, warum dann jetzt?“ Kates Tonfall war sehr sanft und sie erhob sich, ihre grünen Augen umwölkt vor Sorge, um Ana fest in den Arm zu nehmen.

Anastasia wusste, dass sie Kate irgendetwas sagen musste, damit sie ihre so ersehnte Ruhe bekam.

„Ich hatte einen Beinahe-Zusammenstoß mit einem Radfahrer, der wie ein irrer gerast ist, natürlich genau dann an mir vorbei, als ich über die Gehsteigkante gestolpert bin.“ Etwas anderes fiel Ana nicht auf die Schnelle ein. Die Ablenkung glückte, Kate schnappte entsetzt nach Luft. „Um Himmels Willen, ist mit dir alles in Ordnung? Wurdest du verletzt?“ Kate trat einen Schritt zurück und musterte Anastasia eindringlich.

„Nein, alles okay. Christian hat mich noch rechtzeitig zurückgezogen. Trotzdem hatte ich recht wackelige Knie vor Schreck.“

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen! Wie war eure Verabredung zum Kaffee? Ich habe mich die ganze Zeit gefragt ob du für Christian Grey eine Ausnahme machst und dich überwindest welchen zu trinken.“

Anastasia gab sich geschlagen. Auch wenn es ihr wehtat an die Verabredung zu denken, gab sie Kate die Informationen nach denen diese gierte und die ihre Freundin mit freudig glänzenden Augen aufsaugte.

„Nie im Leben, ich habe Tee getrunken. Das Treffen war ganz in Ordnung, total unaufgeregt. Ich habe keinen blassen Schimmer, warum er mich überhaupt gefragt hat.“ Erstaunlicherweise gelang es Anastasia, trotz des bohrenden Schmerzes in ihrem Herzen, gelassen über ihr Kaffee/Tee-Date mit Christian zu sprechen.

Kate lachte ungläubig. „Ana, hast du Tomaten auf den Augen? Er mag dich.“ Erneut kicherte sie ausgelassen. „Das glaube ich nicht, Kate. Ich werde Christian Grey nie wieder treffen.“ Ihrer besten Freundin klappte die Kinnlade herunter. „Ach?“

Verdammt, da war sie wohl zu ehrlich gewesen. Kate bekam diesen „Journalisten-Blick“ wie Ana es immer insgeheim nannte, wenn der Instinkt für eine gute Story bei ihrer besten Freundin ansprang. Sie verschanzte sich in der Küche, doch Kate kam ihr hinterher und lehnte sich an den Rahmen des Durchgangs. „Kate, er spielt in einer komplett anderen Liga als ich!“ Ana versuchte nüchtern und sachlich zu argumentieren, damit die Journalistin in ihrer Freundin endlich Ruhe gab. „Wie meinst du das denn?“ hakte diese nach. „Komm schon, das ist doch offensichtlich und liegt auf der Hand!“ Anastasia drehte sich empört zu Kate herum. „Nicht für mich, Ana! Ja es stimmt, er hat mehr Geld als du, aber das zählt nicht, Christian Grey ist schließlich reicher als die meisten Leute in Amerika und du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du innerhalb von ein paar Stunden derart oberflächlich geworden bist, dass dich das plötzlich stört!“

Anastasia ließ mutlos die Schultern hängen. „Kate er ist…“ doch weiter kam sie nicht. „Ana, wie oft soll dir noch sagen, dass du eine großartige Frau bist. Du hast Humor, bist warmherzig und großzügig, loyal, siehst noch dazu gut aus…“

„Kate, nicht wieder diese Phrasen. Wir wissen beide, dass zumindest der letzte Punkt nicht der Wahrheit entspricht!“ Kate fuhr sich ratlos durch ihre Mähne. „Ich wünschte wirklich, du würdest dich mit anderen Augen sehen, dann wüsstest du, dass du viel zu hart zu dir selbst bist. Wie könntest du kein schönes Äußeres haben, wenn deine Seele eine der wunderbarsten ist, die ich je kennen lernen durfte.“ Ihre beste Freundin blickte sie traurig an und Anastasia seufzte. „Danke für die Blumen, aber jetzt muss ich wirklich noch ein wenig was tun, wenn ich nicht durch die Prüfungen fallen möchte.“

„Ach komm schon, bist du denn gar nicht neugierig auf den Artikel? Schließlich hast du maßgeblich dazu beigetragen, dass ich ihn überhaupt veröffentlichen kann. Und Josés Fotos sind richtig gut geworden.“

Anastasia schob schmollend die Unterlippe vor, doch Kate kannte die Anzeichen und zog sie einfach in Richtung Laptop.

Es war ein Schlag in die Magengrube, Christian auf den Bildern so attraktiv und weltgewandt zu sehen. Die Schwarz-Weiß Fotos brachten Anastasia beinahe um den Verstand. Sie versuchte wirklich, den Artikel zu lesen, doch die Worte verschwammen ihr vor den Augen und immer wieder blieb sie an den Aufnahmen von Christian hängen und studierte seine Gesichtszüge, versuchte zu ergründen, warum er der Meinung war, dass er nicht der richtige Mann für sie war

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen! Sie kamen aus zwei völlig unterschiedlichen Welten, waren Äonen voneinander entfernt, nicht nur kulturell, sondern auch was das Aussehen betraf. ER war attraktiv, trug nur maßgeschneiderte Anzüge und strahlte eine professionelle Autorität aus. Sie hingegen, war eine unscheinbare Studentin. Sie kam sich wie Ikarus vor, der der Sonne zu nah kam, seine Flügel verbrannte und abstürzte. Endlich verstand sie Christians Aussage und Anastasia wurde es ein wenig leichter ums Herz. Jetzt konnte Anastasia seine Zurückweisung ertragen und würde auch damit zu leben wissen.

Kate zappelte nervös neben ihr und Ana zwang sich das Interview zu überfliegen. „Meine Güte, sonst bist du doch nicht so langsam im Lesen.“ Stöhnte Kate qualvoll. „Und? Wie findest du den Artikel?“ „Sehr, sehr gut. Wie immer gute Arbeit Frau Reporterin.“ Lächelte Anastasia gezwungen und erhob sich, um ihre Freundin zu umarmen. „Das ist dein Meisterstück!“ Sie küsste Kate auf die Wange, drückte sie noch kurz an sich und gab Kate anschließend frei. „Jetzt muss ich wirklich noch ein wenig lernen.“ Mit diesen Worten zog sich Anastasia in ihr Zimmer zurück, verbannte Christian aus ihren Gedanken und schlug ihre Seminarunterlagen auf.

Stunden später sank Anastasia müde in ihr Bett. Sie konnte nur hoffen, dass sie alle notwendigen Kenntnisse besaß, um die Klausuren einigermaßen gut zu überstehen.

Jetzt, da sie unter der warmen Decke lag begannen sich die Gedanken bemerkbar zu machen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt meisterhaft verdrängte hatte. Anastasia musste an den seltsamen Morgen zurückdenken und dem Satz von Christian, dem sie zunächst wenig Beachtung schenkte, bis, ja, bis er sie nicht küsste, als sie mehr als bereit dazu in seinen Armen lag. Ana ärgerte sich maßlos darüber, dass sie nicht sofort begriff, was Christian ihr mit dem Satz, dass eine feste Freundin nichts für ihn wäre, hatte sagen wollen.

Eines musste man ihm lassen, auch wenn er sie hätte haben können, hatte er ihr nichts vorgemacht um sie rumzukriegen. Ein weiteres Indiz dafür, dass er sie nicht wollte, so weh es auch tat.

Es konnte auch sein, dass er sich für jemanden aufsparte, jedoch definitiv nicht für sie. Der Gedanke schmerzte Anastasia, doch sie konnte einfach nicht mehr. Die emotionale Achterbahnfahrt des Tages forderte ihren Tribut und Ana fiel in einen unruhigen Schlaf. Die Träume, in denen sie durch dunkle, spärlich beleuchtete Orte hastete, ließen sie immer wieder aufschrecken und kurz fragte sie sich erschöpft, ob sie vor jemandem davonlief, oder auf jemanden zu rannte. Dazwischen schoben sich absurde Bilder der Ereignisse des Tages, in denen die rauchgrauen Augen von Christian und sein Latte Macchiato aus dem Café eine große Rolle spielten.

Christians Gedanken wanderten zu dem Beinaheunfall am Morgen zurück, während er bei einem Glas Wein versuchte zu entspannen. Noch immer schlug ihm das Herz bis zum Hals, als er daran dachte, wie knapp es gewesen war. Nicht viel und Anastasia wäre von diesem Idioten von Fahrradfahrer verletzt worden. Noch immer grübelte er darüber nach, warum genau sich Anastasia bei der Verabschiedung derart distanziert gegenüber ihm verhalten hatte. Vielleicht nahm sie seine Warnung, dass er nicht der richtige Mann für sie war, ernster als er dachte?

Oder standen hinter ihrem Verhalten ganz andere Motive? Klirrend stellte er das Weinglas auf dem Glastisch ab, der neben seinem Sessel stand. „Verdammt!“ fluchte er, als ihm der Groschen fiel. Anastasia hatte gar nichts verstanden, im Gegenteil. Sie fühlte sich höchstwahrscheinlich sehr verletzt und das allerschlimmste, zurückgewiesen. Welche Schäden diese beiden Gefühle der Seele zufügten, wusste Christian nur allzu gut. Ja, es stimmte, er war alles andere als der perfekte Mann für Anastasia und er ließ sich auch nicht davon abbringen, dass er kein Mann zum Heiraten war, davon war er seit Jahren fest überzeugt. Aber niemals hatte er Anastasia Steele weh tun wollen. Er musste den Schaden, den er angerichtet hatte, reparieren und er wusste auch schon, wie er das bewerkstelligen konnte. Christian hoffte sehr, dass Anastasia ihm verzeihen würde.

Anastasia selbst verschwendete die nächsten Tage keinen Gedanken an Christian Grey. Zu sehr wurde sie vom Prüfungsstress der Abschlussklausuren in den Klauen gehalten.

Dann war er da, der Tag, an dem die Abschlussklausur geschrieben wurde. Schließlich legte Anastasia ihren Stift weg. Das letzte Wort war geschrieben, die letzten Fehler im Text korrigiert, die letzte These verfasst. Fertig. Ende. Das war er, der Moment auf den sie vier Jahre lang hingearbeitet hatte: Das Ende der Abschlussprüfung.

Passenderweise war die letzte Prüfung auf einen Freitag gefallen, was bedeutete, dass heute Abend die Clubs rund um den Campus wegen der Absolventen aus allen Nähten platzen würden. Auch Kate und sie würden sich unter die Feierwütigen mischen, vielleicht war heute die Nacht, an der Anastasia Steele sich das erste Mal in ihrem Leben betrinken würde.

Ana blickte zu Kate, die ihren Kugelschreiber fünf Minuten vor Abgabe noch immer wild über das Papier führte.

Anastasia schraubte ihre Kappe gewissenhaft auf den Stift, während sie darüber nachsann, dass das hier, gerade jetzt, das Ende ihrer Zeit an der Universität bedeutete. Nie wieder würde sie inmitten von eifrigen, einsamen Studenten sitzen müssen. Innerlich, der einzige Ort an dem Ana ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnte, platzte sie vor Stolz, Aufregung und Freude.Endlich fand auch Kate ein Ende und hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich und das Gesicht von den beiden Freundinnen wurde von einem breiten Grinsen erhellt.

Gemeinsam fuhren die beiden, Anastasia schweigend, in Kates Mercedes zurück zu ihrem Apartment. Die Prüfung und deren Thematik interessierte die beiden nicht mehr. Kate überlegte, was für ein Outfit für die Party in der Kneipe am Abend angemessen wäre. Anastasia machte sich darüber keine Gedanken und suchte nach den Schlüsseln in ihrer Tasche, als sie vor der Haustür standen.

„Hey, das ist ja für dich!“ unterbrach Kate ihren Monolog über den Inhalt ihres Kleiderschrankes und hob ein Päckchen, das vor der Tür lag, auf und hielt es ihr hin. „Ich habe gar nichts bei Amazon bestellt“ wunderte sich Anastasia und hielt das überraschend schwere Paket, dass an sie adressiert war, in der Hand, während sie Kate den Schlüssel gab, damit sie die Tür aufschließen konnte. „Kein Absender, bestimmt von Ray oder Mum, die vergessen ständig die Adresse in das Feld einzutragen.“ Murmelte Ana leise. „Von wem, außer deinen Eltern sollte es sonst sein?“ kicherte Kate. „Mach es auf, vielleicht liegt eine Karte dabei!“ Während Kate in die Küche eilte, um zur Feier des Tages mit Champagner anzustoßen, öffnete Anastasia das Päckchen. Sie fand darin eine mit Leder bezogene Box, in der sich drei Bücher befanden, die einzelnen Bände schienen ebenfalls in Leder eingefasst. Es mussten sehr alte Werke zu sein, in Bestzustand, aber alt. Als Anastasia die Box vorsichtig aus dem Karton hob, fiel eine schlichte, weiße Karte auf den Esstisch. In ordentlicher und altmodisch anmutender Handschrift stand dort ein Zitat geschrieben:

Warum sagtest du mir nicht,
dass von männlichen Wesen Gefahren drohen?
Warum warntest du mich nicht?
Die vornehmen Damen wissen,
wovor sie sich zu hüten haben,
weil sie Romane lesen,
die ihnen diese Schliche schildern.

 Anastasia hielt fassungslos und verblüfft die Karte in der Hand, da sie in ihrer Abschlussprüfung soeben drei Stunden lang eine Abhandlung über die Romane von Thomas Hardy verfasst hatte und ihr das Zitat mehr als nur ein wenig vertraut war.

Sie befasste sich näher mit den Büchern und ihr wurde bewusst, dass eher Absicht hinter dem Geschenk steckte als Zufall, denn sie hielt definitiv eine dreibändige Fassung von „Tess von den d’Urbervilles in der Hand. Ehrfürchtig schlug sie einen der Bände auf und fuhr vorsichtig den Schriftzug nach, der in altmodischer Schrift auf dem Schmutztitel verfasst war. LONDON: JACK R. OSGOOD, MCALVAINE AND CO., 1891.

Heiliger Strohsack, sie hielt hier eine Erstausgabe in der Hand, die waren mit Sicherheit ein kleines Vermögen wert. In diesem Augenblick wusste Anastasia von wem diese kostspielige Aufmerksamkeit sein musste. Kate nahm ihr die Karte aus der Hand und pfiff durch die Zähne.

„Kate, das sind Erstausgaben.“ Unfähig sich zurückzuhalten, strich Anastasia vorsichtig mit den Fingerspitzen über den Einband des Buches, welches sie noch immer in den Händen hielt.

Noch einmal pfiff ihre beste Freundin durch die Zähne. „Ich nehme mal an, Mr. Christian Grey ist der mysteriöse Absender?“

Anastasia nickte zustimmend. „Wer auch sonst käme auf die Idee mir ERSTAUSGABEN zu schicken!“ „Die Karte ist ja nicht sehr romantisch, da hätte ich ihm mehr Wortgewandtheit zugetraut.“ Sichtlich enttäuscht hielt Kate ihr die Karte wieder hin. Anastasia nahm ihrer Freundin das edle Stück Papier aus der Hand und betrachtete die darauf geschriebenen Worte mit gerunzelter Stirn. Sie selbst konnte sich nicht gegen das Gefühl wehren, das Zitat als Warnung zu sehen, doch das würde sie ihrer Freundin nicht auf die Nase binden. „Ich habe keine Ahnung was er damit meint, es ist ein Zitat aus dem Werk.“ Murmelte sie deshalb, wie sollte sie Kate erklären, was zwischen ihr und Christian nach dem Beinahe-Unfall passiert war, ohne weiteren Fragen ausgesetzt zu sein auf die sie keine Antwort wusste.

„Ist halt ein seltsames Zitat, für so eine Geste. Als würde er dich warnen wollen, vor was auch immer.“ Anastasia legte die Bücher zur Seite und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Ich weiß, du möchtest nicht darüber reden, was zwischen dir und Mr. „Sexy“ Grey vorgefallen ist, aber ein Mann schickt einer Frau nicht solch ein Präsent, wenn er nichts von ihr will. Der Typ fährt voll auf dich ab, ich sag’s dir!“

In den letzten Tagen war ihr Gefühlsleben zweitrangig gewesen, zu sehr war Anastasia dem Prüfungsstress verfallen. Christian verfolgte sie vor allem in ihren Träumen, nachts, wenn sie zur Ruhe kam. Sie hatte noch nicht herausgefunden, wie sie ihn und das Gefühl seiner Umarmung, die damit verbundene Geborgenheit, aus ihren Gedanken und somit aus ihren sehr lebhaften Träumen verbannen konnte. Die Erinnerungen daran setzten ihr sehr zu, weshalb jetzt, nachdem die Prüfungen vorüber waren, ihre Gedanken sich auf Christian konzentrierten.

Warum schickte er ihr diese Bücher? Die mit Sicherheit nett gemeinte Geste verwirrte Anastasia und stürzte sie in ein totales Gefühlschaos. ER war es doch gewesen, der sie mit den Worten zurückgewiesen hatte, er sei nicht „Mr. Right“ für sie. Warum sendete er ihr dann solch eine Kostbarkeit?

Während Ana noch über die Beweggründe für das Geschenk grübelte, war Kate schon einige Schritte weiter. Wie immer, wenn ihre Spürnase keine Ruhe gab, forschte sie im Internet so lange nach, bis sie die Antworten auf die Fragen bekam, die sie quälten.

„Ich muss schon sagen, Christian Grey ist sehr spendabel. Hier gibt es in New York eine Erstausgabe von Tess, die ist schlappe vierzehntausend Dollar wert. Deine ist in einem viel besseren Zustand, ich denke, sie wird doppelt so teuer gewesen sein.“

Erneut flogen ihre Finger über die Tastatur und gespannt blickte Anastasia über Kates Schulter. „Das Zitat auf der Karte ist von Tess, diese Worte sagt sie zu ihrer Mutter als Alex d’Urberville sie brutal verführt hat.“

„Ich weiß“ brummte Kate verstimmt. „Nur was will er dir damit sagen? Es ist kein klassisches Zitat, welches man zu einem so romantischen Geschenk dazu schreibt.“

„Ach Kate, was weiß ich, was in Christian Greys Kopf vor sich geht? Es Interessiert mich auch nicht. Solch ein teures Geschenk kann ich nicht annehmen und ich werde sie ihm mit einem ähnlich kryptischen Zitat zurückschicken. Dann kann er sich Gedanken darüber machen was ich ihm damit sagen will.“

„Zum Beispiel die Stelle, wo Angel Clare sagt, sie soll sich verpissen?“ Kates Gesichtsausdruck blieb todernst bei ihren Worten und erreichte damit, dass Anastasia lauthals loskicherte. „JA, das ist es. Perfekt.“ Dafür liebte sie Kate über alles; sie war immer eine treue Freundin, die ihr in jeder Lebenslage beistand. Ana schlug die Bücher vorsichtig in das Pergamentpapier, in das sie eingewickelt gewesen waren und schob den Schuber zurück in das Paket auf dem Esstisch. „Und jetzt wird gefeiert!“ Kate reichte ihr ein Glas Champagner. „Auf das Ende der Prüfungen und auf Seattle, dass darauf wartet von uns erobert zu werden.“ Kate stieß mit Anastasias Champagnerflöte an und ein leises Klingen ertönte. Ana fühlte sich richtig dekadent. „Auf bestandene Prüfungen, Seattle und gute Noten.“ Stimmte sie zu und nahm einen großen Schluck des prickelnden Getränkes.

Christian tigerte nervös in seinem Hotelzimmer herum. Mal wieder hinkte er seinem Terminplan hinterher. Normalerweise wären Taylor und er längst in Richtung Seattle unterwegs. Doch Christians Instinkt hielt ihn hier, in Portland.Das stimmte nur zum Teil, stellte er wütend fest. Das von Anastasia so gar keine Reaktion auf seine kleine Aufmerksamkeit zum Ende ihrer Prüfungen kam, wunderte ihn nicht nur, es entfachte einmal mehr seine Wut auf dieses Frauenzimmer, von dem er einfach nicht ablassen konnte.„Taylor, machen Sie alles bereit, wir fahren in einer halben Stunde los.“ Wies er seinen Leibwächter an. Sollte der Teufel Anastasia Steele holen, sie war ihm vollkommen gleichgültig.

Kaum betraten Kate und Anastasia ihre Stammkneipe, waren die beiden umringt von feierwütigen Studenten, die ihre Freiheit nach den Prüfungen genossen und nur noch trinken, flirten und tanzen wollten. José gesellte sich zu ihnen, auch wenn er seinen Abschluss erst ein Jahr später in der Tasche haben würde. Sie fanden Platz an einen kleinen Tisch, der gerade frei geworden war als die Freundinnen ankamen und sie von der Menge dorthin gedrängt wurden. Es herrschte das pure Chaos und der Lärm war ohrenbetäubend. José bestellte einen großen Krug Margarita für alle und beim fünften Glas merkte Anastasia, dass sich der Champagner mit dem Cocktail nicht sehr gut vertrug.

„Was hast du jetzt vor, Ana? Die große weite Welt wartet auf dich!“ brüllte José ihr ins Ohr, um den Lärm zu übertönen. „Das habe ich dir doch schon erzählt. Kate und ich ziehen nach Seattle. Ihre Eltern haben ihr dort eine Eigentumswohnung gekauft und wir können dort weiterhin zusammenwohnen.“ Schrie Ana, schon arg beschwipst, ihrem besten Freund ins Ohr. „Dios, mío, was die Reichen sich alles so selbstverständlich leisten können.“ Anastasia lehnte sich näher an José, um ihn besser verstehen zu können. „Was hast du gesagt?“ „Du wirst aber doch noch zu meiner Vernissage kommen, oder?“ Anastasia bemerkte den drängenden Blick ihres Freundes und legte ihm, ohne nachzudenken beruhigend eine Hand auf seinen Oberschenkel. „Aber natürlich. Das würde ich mir niemals entgehen lassen.“ Lächelte sie. José legte einen Armen um ihre Taille und zog sie noch näher als sie sowieso schon war, zu sich heran. „Es ist mir sehr wichtig, dass du kommst, Ana!“ flüsterte er eindringlich in ihr Ohr und Anastasia schluckte unbehaglich. Doch der Moment verflog und José grinste unverschämt. „Noch einen Margarita?“ „José Luis Rodriguez, ich habe den Eindruck du willst mich betrunken machen!“ „Ertappt. Ich habe den Eindruck meine Strategie geht auf.“ Kicherte José jungenhaft. So mochte Anastasia ihren besten Freund. Der Latin Lover, den er manchmal raushängen ließ, lag ihr nicht. „Lass nur, ich besorge uns ein Bier, das ist mir lieber!“ „Kate, auch noch eine Runde?“ Ihre beste Freundin hatte einen Arm um Levi geschlungen, ein Englisch Kommilitone, der normalerweise die Fotos für die Studentenzeitung schoss. Kate schien noch vollkommen nüchtern zu sein und Anastasia, die schon ein wenig schwankte, bewunderte ihre Freundin um deren Standfestigkeit. Levi hatte es aufgegeben von der eigentlichen Abschlussparty Fotos zu schießen und ließ Kate nicht aus den Augen. Anastasia konnte es ihm nicht verdenken. Ihre Freundin sah umwerfend aus in ihren knallengen Jeans, den schwindelerregenden High Heels und dem winzigen Mieder, das mehr zeigte als das es verbarg. Ana begutachtete ihr eigenes Outfit, das aus Chucks, ihrer besten Jeans und einem T-Shirt bestand und zuckte mit den Achseln. Sie entwand sich vollends Josés Griff und musste sich an der Schulter eines Studenten festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Sorry!“ nuschelte sie, denn ihre Zunge fühlte sich unendlich schwer an, doch der Typ wandte sich wieder seiner Freundin zu und beachtete sie gar nicht. Drinks auf Tequila-Basis schienen wohl äußerst heimtückisch zu sein, schoss ihr durch den Kopf und sie machte sich langsam auf dem Weg um neue Getränke zu ordern.

Anastasia war fast am Tresen der Bar angelangt, als sie kurzentschlossen die Richtung änderte und auf die Toiletten zusteuerte. Sie reihte sich in die lange Reihe von weiblichen Studentinnen vor dem WC ein. Der Lärm aus dem Ausschankraum drang gedämpft an ihr Ohr und die Luft strich mit einem kühlen Hauch über ihr erhitztes Gesicht und ihre nackten Arme. Um sich die Zeit zu vertreiben, zog Ana ihr Handy aus der Tasche. Sie scrollte durch ihre Anruferliste und blieb bei einer von ihr gewählten Nummer hängen die sie noch nicht in ihr Telefon eingespeichert hatte. Das konnte nur die Handynummer von Mr. „Sexy“ Grey, wie Kate ihn nannte, sein. Anastasia kicherte betrunken. Sie hatte keine Ahnung wieviel Uhr es war, vielleicht sollte sie ihn einfach anrufen? Wahrscheinlich würde sie Christian aus dem Schlaf reißen, eine kleine Rache für die schlaflosen Nächte die er ihr seit einiger Zeit bescherte. Dass Christian dafür größtenteils unverantwortlich war, ließ Anastasia großzügigerweise außer Acht. ER sollte ihr verdammt noch mal endlich Rede und Antwort stehen, was er mit seinem Geschenk bezwecken wollte und was diese kryptische und geheimnisvolle Botschaft bedeutete. Schließlich wollte er, dass sie ihm fernblieb, dann konnte sie ja wohl genau dasselbe von ihm verlangen. Anastasia verzog ihre Lippen zu einem Alkoholseeligen Lächeln und drückte auf die Schnellwahltaste.

Christian saß schon im rückwärtigen Teil des Wagens, im Gespräch mit seinem Bruder, Elliot, der ihm zufällig einen Besuch abgestattet hatte, Taylor steuerte das Auto sicher durch die dunklen Straßen Portlands, bis sein Mobiltelefon klingelte und die Unterhaltung unterbrach. Als er sah, dass Anastasia anrief, setzte kurz sein Herz aus. „Anastasia?“ Er konnte seine Überraschung über den überaus späten Anruf von ihr nicht verbergen. „Glaub mir ich bin selbst erstaunt, dass ich dich anrufe! Woher weißt du überhaupt, dass ich dich anrufe? Egal…Viel wichtiger ist doch die Frage, warum du mir diese Bücher geschickt hast?“

Christian runzelte die Stirn, während Elliot fragend eine Augenbraue hob. Anastasia klang so fremd und ihre Aussprache hörte sich verwaschen an, als hätte sie zu viel getrunken. „Anastasia, ist alles in Ordnung mit dir? Du klingst seltsam.“ Versuchte Christian es mit sanfter Logik.

„Nicht ich bin seltsam, sondern du!“ Der Alkohol schien ihr die Zunge zu lockern und Anastasia einen Mut zu verleihen, den sie sonst nicht besaß. In diesem Ton hätte sie sich nüchtern niemals getraut mit ihm zu sprechen.

„Anastasia. Hast du getrunken?“ Christian sah Taylor in die Augen, der seinen Blick im Rückspiegel suchte und nickte unmerklich, ein Zeichen, dass Taylor dazu veranlasste die nächste Ausfahrt zu nehmen und zurück in Richtung Portland zu fahren. Elliot pfiff leise durch die Zähne und grinste. Auf die Frau war er gespannt, die seinen Bruder veranlasste, seine Pläne zu ändern.

„Was kümmert dich das, Grey?“

Christian schwieg kurz und versuchte ruhig zu bleiben. „Ich bin nur neugierig. Wo bist du?“

„In einer Kneipe!“ kam die knappe, nichtsagende Antwort. Frustriert ballte Christian seine Hand zur Faust. „In welcher?“ diesmal konnte er den Ärger nicht mehr aus seiner Stimme heraushalten. In einer Kneipe in Portland.“ Anastasia kicherte leise. „Und wie kommst du nach Hause? Ist jemand bei dir?“ Die Vorstellung, dass seine Anastasia betrunken in einer Kneipe saß, wo jeder sonst was mit ihr anstellen konnte, war für ihn unerträglich.

„Ich finde schon eine Möglichkeit.“ Ihr verwirrter Tonfall reizte Christians Nerven und er fragte sich, ob sie das mit voller Absicht tat.

„In welcher Kneipe bist du?“

„Warum hast du mir die Bücher geschickt, Christian?“

Sie wagte es, ihn bei seinem Vornamen zu nennen und er knirschte mit den Zähnen. „Anastasia, wo bist du? Sag es mir, auf der Stelle.“ Er konnte nichts dafür, sein Tonfall war schärfer als er sein sollte, aber die Sorge um sie brachte ihn um den Verstand.

Anstatt ihm endlich eine Antwort auf seine Fragen zu geben, ihn von seiner Qual zu erlösen, lachte Anastasia laut in ihr Handy. „Du bist so was von Tyrannisch. In der alten Zeit würdest du einen perfekten Filmregisseur in Reithose, mit Gerte und Flüstertüte abgeben.“ Sie kam unwissentlich mit ihrer Beschreibung seinem Wesen gefährlich nahe.

„Verdammt, Ana, jetzt sag mir endlich, wo du steckst!“ Er fluchte wie ein Droschkenkutscher und ihr Kichern verhöhnte ihn in seiner Hilflosigkeit. „IN Portland, weit, weit weg von Seattle.“ „Wo in Portland?“ versuchte er es noch einmal. „Gute Nacht, Christian!“ „ANA“ brüllte er in sein Mobiltelefon, doch er hörte nur ein Besetzzeichen. Sie hatte aufgelegt. „Dieses dämliche Frauenzimmer!“ fluchte Christian, während Taylor in Höchstgeschwindigkeit durch die Außenbezirke von Portland in Richtung Innenstadt fuhr. „Ping Anastasia Steeles Handy, sie ist in Schwierigkeiten und Taylor, mach schnell!“ „Wir werden sie finden, Sir!“ Taylor machte sich ans Werk und fuhr dann zur Kneipe im Vergnügungsviertel von Portland, das bei Studenten sehr beliebt war.

„Das ich das noch erleben darf!“ Elliot fasste sich theatralisch ans Herz. „Christian Grey verliert die Fassung wegen einer FRAU!“ Das Lachen seines Bruders zerrte an seinen Nerven. „Halt die Klappe Elliot!“ und zu seiner Überraschung machte sein Bruder ausnahmsweise mal genau das was er von ihm verlangte.

Ha! Anastasia war äußerst zufrieden mit sich. Okay, ihre Mission war gescheitert, denn eine Antwort auf die Frage, WARUM Christian ihr die Bücher geschenkt hatte, stand noch aus. Sie fasste sich an den Kopf, als sie sich mit der Schlange in Richtung Toilette bewegte. Ihr drehte sich alles, sie war wohl ziemlich betrunken. Nun, zumindest dieses Vorhaben, den ersten Rausch ihres Lebens zu genießen, war ihr vortrefflich gelungen. So fühlte sich das also an, aber Anastasia war sich nicht sicher, ob sie diese Erfahrung wiederholen wollte. Endlich konnte sie in die schon arg verschmutzte Toilette eintreten, auf dessen Rückseite der Tür ein Poster die Vorteile von Safer Sex anpries. Gerade als sie fertig war, klingelte ihr Handy. Vor Schreck schrie Anastasia leise auf. „Hallo?“ ihre Stimme klang unangenehm schrill und wurde in dem gekachelten Raum von den Wänden zurückgeworfen. Das Christian Grey zurückrufen könnte, darauf war sie nun wirklich nicht vorbereitet gewesen.

„Ich hole dich jetzt ab!“ knurrte er ins Telefon und legte seinerseits auf. Erstarrt blieb Anastasia mit dem Handy in der Hand stehen. Nur Christian Grey gelang es gleichzeitig so ruhig und bedrohlich zu klingen. Ihr Herz pochte wild und sie hatte das Gefühl sich jeden Moment übergeben zu müssen. Verwirrt strich Ana sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Wie sollte Christian sie abholen, wenn er gar nicht wusste in welcher Kneipe sie sich aufhielt. HA! Er würde sie schon suchen müssen und bis er hier auftauchte, würde sie, Anastasia Steele schon längst friedlich in ihrem Bett liegen und schlafen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wandte sie sich dem Waschbecken zu, darüber hing ein schwach beleuchteter Spiegel mit einem hässlichen Sprung quer durch die Mitte, um sich die Hände zu waschen. Eiskalt spritzte das Wasser auf ihre Hände und Handgelenke. Während Ana mehrere Anläufe benötigte, den Seifenspender zu benutzen, der Tequila hatte eindeutig ihre Wahrnehmung getrübt, betrachtete sie ihr rotes, erhitztes Gesicht und die Glasigen Augen. Nur diese eine Nacht, dann würde sie nie wieder Alkohol trinken. Mit diesem Vorsatz zwängte sich Anastasia an der wartenden Menschenansammlung vorbei in Richtung Bar, wo sie ein gefühltes Jahrhundert an den Tresen gelehnt stand, um das versprochene Bier an den Tisch zu ihren Freunden zu bringen. „Du warst ganz schön lange weg. Alles okay bei dir?“ ließ Kate die besorgte Freundin raushängen. „Ich musste zur Toilette. Warum müssen wir Frauen immer nur so lange warten, bis wir pinkeln können?“ kicherte Ana und gab sich die Antwort gleich selbst: „Weil wir erst mal die Hose runterziehen müssen!“ José und Levi unterbrachen ihre angeregte Diskussion über das lokale Baseballteam und beobachteten Anastasia, die vor Lachen über ihren eigenen Witz beinahe hintenüberfiel.

Anastasia griff nach ihrem Glas und trank einen großen Schluck. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie fühlte sich herrlich leicht. „Kate, ich glaube ich brauche frische Luft. Ich bin kurz draußen!“ „Ana, du solltest es gut sein lassen, du verträgst wirklich nicht viel und für heute Abend bist du weit über dein Limit rausgeschossen!“ brüllte Kate ihr entgegen, doch Anastasia winkte ab und begann sich erneut durch die Menge des brechend vollen Lokals zu kämpfen. Ihr Magen begann zu tanzen und Ana bemerkte wie ihr Wohlbefinden von Minute zu Minute ins Gegenteil umschlug. An ein Geradeausgehen war nicht mehr zu denken und auf unsicheren Beinen wankte Anastasia auf den Ausgang zu und atmete erleichtert auf, als die kühle Nachtluft sie auf dem Parkplatz mit voller Wucht traf.

Einige Minuten später bemerkte sie wie betrunken sie tatsächlich war. Wie in einem Comic sah Anastasia alles doppelt. Zwei Laternen, die ihr spärliches Licht auf zwei Chevys warfen, zwei Türen, die in die Kneipe hineinführten, verdammt warum hatte sie nur derart über die Stränge schlagen müssen? Ihr war sterbenselend. „Ana, ist alles okay bei dir?“ José, der Gute, gesellte sich zu ihr und leistete Anastasia Beistand. „Ich glaube ich habe ein Klitzekleines Bisschen zu viel getrunken?“ kicherte Ana und fuchtelte mit ihrer Hand vor Josés Gesicht herum. „Ich auch!“ murmelte ihr bester Freund leise, blieb aber ohne zu schwanken vor ihr stehen und bedachte sie mit einem intensiven und glühenden Blick aus seinen dunklen Augen. „Komm her, ich stütze dich, wir sagen den anderen das wir heimfahren und dann gehen wir!“ José trat auf Anastasia zu und wollte den Arm um sie legen, bevor sie mit dem rissigen Asphalt Bekanntschaft machen konnte.

„Lass das! Ich hab alles im Griff José!“ lallte Anastasia, schlug halbherzig nach ihm und versuchte ihren besten Freund wegzuschieben.

Bei José brannten einige Sicherungen durch. „Ana bitte!“ anstatt sie frei zu geben, zog er sie näher zu sich heran. Er sehnte sich so verzweifelt nach ihrer Nähe, so dass er, gestärkt durch den Alkoholgenuss am Abend, endlich den Mut fand, seine Gefühle zu offenbaren.

„José, was soll das?“ Verwirrung blitzte in Anastasias Augen auf, doch er war nicht mehr zu stoppen. „Du weißt das ich dich mag, Ana.“ Seine Hand wanderte an ihrem Rückgrat entlang, bevor José sie fest an sich drückte.

Was passierte hier? Anastasia schüttelte den Kopf, um den dichten Nebel in ihrem Kopf zu vertreiben, doch es gelang ihr nicht. José drängte Anastasia an die Wand der Kneipe, kesselte sie mit seinem Körper ein und drehte ihr Gesicht, welches sie von ihm abzuwenden versuchte, mit seinen Händen zu sich. Sein Mund kam dem ihren immer näher und selbst durch ihren Alkoholbetäubten Körper rauschte langsam aber sicher Panik durch ihre Adern. „NEIN! Stop, bitte nicht. José lass mich los!“ Sie versuchte nun stärker sich gegen ihren besten Freund zur Wehr zu setzen, ihn von sich zu schieben, ohne jeden Erfolg. Er war einfach zu stark. „Bitte, Ana!“ flehte José und sein süßlicher, nach Margarita und Bier riechender Atem schlug ihr ins Gesicht. Sanft und ungeschickt bedeckte José Anas Gesicht mit Küssen, bevor er seinen Mund auf ihre Lippen drückte. Ana gelang es kurzzeitig ihren Freund von sich zu schieben, die Angst verlieh ihr ungeahnte Kräfte, unfähig dieses hilflose Gefühl ausgeliefert zu sein, hinzunehmen. „NEIN! Ich sagte NEIN!“ ihre Stimme klang nicht so fest wie sie es sich wünschte. Überfordert von der ganzen Situation bemerkte Anastasia wie ihr Magen zu rebellieren begann. Sie musste kotzen.

Als Taylor den Wagen schlitternd vor der Kneipe zum stehen brachte, stoben einige Studenten erschrocken zur Seite. Die Scheinwerfer des Autos erfassten Anastasia, die ihrerseits in ein Gerangel mit diesem Fotografen verstrickt war. Christians Eifersucht kochte über, er hatte diesen Typen vom ersten Moment an verabscheut.

„Elliot, sei so gut und geh in die Kneipe, such eine Katherine Kavanagh, du wirst sie nicht übersehen können, gib ihr Bescheid, dass wir hier sind und ich Anastasia mit nach Hause nehme, okay?“ „Wenn das alles ist Bruderherz! Du kennst mich doch, ich mache nichts lieber, als mich um hübsche Frauen zu kümmern. Sie ist doch hübsch, oder?“ Sein Bruder grinste unverschämt und war schon aus dem Auto bevor Christian ihm eine passende Antwort geben konnte. „Taylor, Sie warten hier, ich weiß nicht wie lange es dauert!“ Sein Chauffeur und Bodyguard nickte knapp und Christian stürmte aus dem Auto.

„Ich denke die Dame hat nein gesagt!“ ertönte eine gesichtslose Stimme aus der Dunkelheit. Das alles konnte doch nicht wahr sein. Anastasia hätte heulen können. Ausgerechnet jetzt, wo sie Sturzbetrunken war, sich jeden Moment übergeben musste, da tauchte Christian Grey auf. Wie zum Teufel hatte er sie so schnell finden können?

„Grey!“ Josés Abscheu gegenüber dem Geschäftsmann hing greifbar in der Luft, als dieser sich von Anastasia kurzzeitig ab- und Christian zuwandte.Auch Christians Augen sprühten vor Abneigung, während er José mit finsterer Miene musterte, als würde er sich mit einem besonders widerwärtigen Insekt befassen müssen.Anastasia nahm auch bei Christian ein großes Aggressionspotential wahr und ängstlich starrte sie zwischen ihrem besten Freund und Christian hin und her.

Die Panik über Josés Übergriff, die daraus resultierende Angst und die Aufregung über Christians erscheinen waren zu viel für Anastasias überreizten Magen. Sie krümmte sich, haltsuchend krallten sich Anastasias Finger in die Ritzen der alten Fassade der Kneipe, und übergab sich.

„Dios Mio, Anastasia!“ José sprang angewidert zurück, während Christian einige Schritte auf die unappetitliche Szene zuging und Anastasia sanft die Haare aus dem Gesicht schob und sie zu einem Blumenbeet am Rande des Parkplatzes dirigierte, weit weg von diesem Widerling der sich Freund nannte. „Wenn du dich übergeben musst, dann am besten hier!“ Und tatsächlich, es dauerte nicht lange und Ana würgte erneut und nochmal und immer wieder, während Christian ihr geduldig die Haare aus dem Gesicht hielt und einfach da war.

Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte Anastasia nur noch trocken Würgen und endlich schien sie den kompletten Alkohol, den sie an diesem Abend wahllos in sich hineingeschüttet hatte, wieder von sich gegeben zu haben. Mit wackligen Knien und Armen aus Pudding ließ sie sich auf der kühlen Ziegelmauer nieder, die das Blumenbeet umrandetete das sie überaus großzügig gedüngt hatte. Ana schwor sich niemals wieder einen Schluck Alkohol zu trinken, in ihrem ganzen Leben nicht.

Christian wartete schweigend ab, während Anastasia Unmengen von Flüssigkeit ausspuckte. Geduldig hielt er ihr die Haare aus dem Gesicht und begann sich Sorgen zu machen, als die Spuckerei nicht aufhören wollte. Vielleicht hatte sich Anastasia eine Alkoholvergiftung zugezogen? Gerade als er den Entschluss fasste sie ins Krankenhaus zu bringen, kam sie zum Ende und setzte sich erschöpft auf den Rand des Blumenbeetes. Sie sah mitleiderregend aus, blass, mit tiefen Rändern unter den Blutunterlaufenen Augen. „Hier!“ murmelte er und reichte ihr sein blütenweises Stofftaschentuch, dass Anastasia dankbar annahm und sich notdürftig säuberte.

Nie im Leben hatte sich Anastasia so gedemütigt gefühlt. Es gelang ihr nicht Christian in die Augen zu blicken, stattdessen konzentrierte sie sich auf das eingestickte Monogramm auf dem Taschentuch, das sie noch immer in den Händen hielt. Kurz flog ihr Blick zu José, der noch immer am Eingang der Kneipe stand und unschlüssig, mit den Händen in den Taschen seiner Jeans, auf den Fußballen wippte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war dies der peinlichste Moment in Anastasias Leben. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals in einer solch unangenehmen Situation gewesen zu sein, abgesehen von Christians Zurückweisung. Christian beobachtete sie noch immer schweigend und José der, verlegen und eingeschüchtert von Christians Autorität, zaghaft einige Schritte auf sie beide zuging.

Anastasias wütender Blick ließ José innehalten. Wäre sie nicht so wackelig auf den Beinen gewesen, wäre sie aufgesprungen und hätte sich auf José gestürzt, ihm ein paar saftige Ohrfeigen verpasst, wobei sie ihm eine ordentliche Standpauke gehalten hätte, dass ihm wahrscheinlich die Ohren abgefallen wären. Dann fiel Anastasia ein, dass sie die Hälfte ihrer Worte vor Christian niemals herausbringen würde, das wäre ihr dann selbst in ihrem Zustand zu peinlich gewesen.

Anastasia stieg der säuerliche Geruch ihres erbrochenen in die Nase und ekelte sich fürchterlich vor sich selbst. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Christian wusste, dass sie keine Lady aus dem Adel war. Schließlich hatte er ihr ritterlich die Haare gehalten, während sie die Blumen hinter ihrem Rücken vollkotzte.

„Wir sehen uns drinnen.“ Murmelte José schließlich und trat den Rückzug an, niedergeschlagen und mit hängendem Kopf betrat er die Kneipe. Als José die Tür öffnete, trug der Wind ein Schwall Lärm der feiernden zu ihnen herüber, der jäh erstarb, als die Tür ins Schloss fiel. Jetzt war sie allein mit Christian und Ana wusste nichts zu sagen. Sollte sie sich entschuldigen für den Anruf? Oder lieber nicht?

„Tut mir leid!“ flüsterte sie daher kaum hörbar. Verdammt, ihr Hals brannte wie Feuer und sie nestelte verschüchtert an dem nicht mehr ganz so blütenweisen Stofftaschentuch.„Was genau tut dir leid, Anastasia?“ Er dachte nicht einmal daran es ihr leicht zu machen, das hatte sie wohl verdient.„Erst einmal der Anruf. Das war nicht nett! Dann das hier, das Kotzen. Ich denke man könnte die Liste noch um einige Punkte ergänzen.“ Ihre Wangen wurden heiß und sie war dankbar darüber, dass ihr Gesicht im Halbschatten lag.

„Ach Anastasia.“ Christian hielt seine Stimme betont locker und belustigt. „Das haben wir doch alle schon mal erlebt, vielleicht nicht so exzessiv und spektakulär wie du, aber ja auch ich war schon in einer solchen Situation!“ Er schwieg kurz und Anastasia musterte ihn erstaunt. Christian und sturzbetrunken herumtorkelnd? Nie im Leben! Diese zwei Dinge passten definitiv nicht zu ihm.

„Es ist okay Grenzen auszuloten, aber man sollte sie kennen und mir ist, als wärst du weit darüber hinausgeschossen und das recht weit. Machst du sowas öfter?“

Christians Stimme zerrte an Anas Nerven, hallte in ihrem Kopf tausendfach verstärkt wider und sie fürchtete, er würde ihr von den Schultern fallen. Ihr Schädel brummte wie zehn Bienenschwärme und sie fragte sich was ihn das alles überhaupt interessierte. Schließlich hatte sie ihn nicht hergebeten und schon gar nicht, dass er sie behandelte und zurechtwies wie ein unartiges Kind, das man beim verbotenen Naschen von Süßigkeiten ertappte. Ihr Widerspruchsgeist regte sich und am liebsten hätte Anastasia ihm entgegen geschrien, dass es allein ihre Entscheidung war, wenn sie sich jeden Abend betrinken wollte. Doch so schnell die Rebellin in ihr auftrumpfte, verpuffte diese auch wieder. Ana fragte sich ernsthaft warum Christian noch immer hier bei ihr saß. Statt einer Schimpftirade beschloss sie seine Frage zu beantworten. „Nein, mache ich nicht. Ich war noch nie zuvor in meinem Leben betrunken und gedenke auch nicht diese Erfahrung zu wiederholen. Das eine Mal reicht mir völlig.“ Sie versuchte sich aufzurichten, doch ihre Beine gaben unter ihr nach und Christian fing sie auf, bevor sie es sich auf dem Boden bequem machen konnte. „Ich bringe dich jetzt nach Hause!“ murmelte er leise, während Christian ihren Kopf an seiner Schulter bettete. „Ich muss Kate Bescheid geben, sie macht sich sonst unnötig Sorgen!“ murmelte Ana an Christians Brust und genoss die Wärme, die sie einhüllte. „Das wird mein Bruder machen. Er spricht gerade mit Miss Kavanagh.“ „Dein Bruder ist hier?“ verwirrt hob Anastasia ihren Kopf, der gefühlt zehn Tonnen zu wiegen schien. „Ja, er war bei mir im als du angerufen hast.“ Das warf eine andere Frage auf. „Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

„Ich habe deinen Anruf zurückverfolgt!“ Christian gab ihr die Information eher beiläufig, als sei dies nichts Besonderes für ihn, aber war das nicht illegal? In Anastasias betrunkenem Zustand fand sie dieses Detail nicht unbedingt beachtenswert, hauptsächlich weil es sich um Christian handelte.

„Wo ist deine Handtasche und bestimmt hattest du noch eine Jacke dabei?“ „Ja, beides! Hör mal, ich muss mit Kate sprechen, sie macht sich sonst Sorgen!“ Christian seufzte ergeben, als er Anastasias störrischen Gesichtsausdruck bemerkte. „Wenn es denn unbedingt sein muss, dann komm!“ Vorsichtig ließ er sie von seinem Schoß gleiten, wartete bis Ana ihr Gleichgewicht fand und legte ihr sicherheitshalber den Arm um die Schultern. Anastasia fühlte sich nach ihrer Kotzorgie schwach und erschöpft, so dass sie ihre Verlegenheit vergaß und ihren Kopf an Christians Schulter lehnte. Trotz ihres offensichtlich betrunkenen Zustandes konnte Anastasia die Verwirrenden Gefühle, seit Christian schützend den Arm um sie gelegt hatte, nicht einordnen. Dafür fehlte ihr die Kraft, so dass sie sich vornahm in den kommenden Tagen all die Ereignisse und Eindrücke zu verarbeiten und darüber gründlich nachzudenken.

Kate saß nicht mehr an dem Platz, den sie für sich am frühen Abend in Beschlag genommen hatte, nur Levi lehnte sich, ein bisschen verloren an dem wackligen Tisch, selbst José war nirgends zu sehen. „Wo ist Kate?“ versuchte Anastasia schreiend gegen den Lärm anzukommen. Levi warf Christian einen misstrauischen Blick zu, er schien wütend zu sein. „Kate ist mit einem Typen auf der Tanzfläche.“ Brüllte er und Ana verstand nun auch seine schlechte Laune. Levi wollte wohl ein wenig mehr von Kate als nur ein Bier miteinander trinken und jemand war ihm in die Quere gekommen. Ana nickte abwesend, während sie sich umständlich ihre schwarze Jacke anzog und nach ihrer Tasche griff. Christian musste sie mehrmals davor bewahren zur Seite zu kippen, in dem er ihren Arm ergriff.

Christian seufzte frustriert. Der Krach in der Kneipe war kaum auszuhalten, Anastasia war jedoch noch nicht nüchtern genug, trotz der Spukorgie draußen, um sie nach Hause zu bringen. Er dirigierte sie vorsichtig durch den überfüllten Raum. „Kate ist auf der Tanzfläche.“ Brüllte sie ihm auf dem Weg zur Bar ins Ohr. Ihre Haare kitzelten ihn an der Nase.

Anastasia sog tief den sauberen Duft von Christian ein und genoss die wohlige Wärme, die sich in ihrem inneren ausbereitete und ließ zum ersten Mal das aufregende Gefühl von tausend fliegenden Schmetterlingen in ihrem Bauch bewusst zu. Ana bemerkte sehr wohl die verräterische Hitze, die ihre Wangen tiefrot färbte, aber der Alkohol enthemmte sie soweit, dass es ihr egal war.

Schließlich kamen sie an dem Tresen an und Christian wurde sofort bedient, obwohl sich dort eine anständige Menge an Menschen tummelte. Es musste an seiner Ausstrahlung liegen, grübelte Ana, als sie ihn im flackernden Licht der Tanzfläche beobachtete. Durch den Lärm konnte sie nicht hören was er für ein Getränk bestellte, weshalb sie zunächst zurückschreckte, als Christian ihr ein Glas mit einer klaren eiskalten Flüssigkeit in die Hand drückte. „Trink!“ befahl er, ganz befehlsgewohnt und beobachtete sie eindringlich, so dass Ana nichts anderes übrig blieb einen vorsichtigen Schluck des unbekannten Getränkes zu sich zu nehmen. Erleichtert stellte sie nach einem kurzen Nippen fest, dass es sich lediglich um kaltes Wasser handelte.  „Runter damit.“ Erschrocken kippte Anastasia das halbe Glas Wasser in einem Zug hinunter. An seinem Ton ihr gegenüber musste er definitiv noch arbeiten. Wenn Christian in diesem Moment, als er in dämonisch rotes Licht getaucht wurde, mit seiner Hand nicht frustriert durch seine Haare gefahren wäre, hätte sie ihn sicherlich gefragt was er für ein Problem hatte. Warum dachte er, er müsse sie, eine junge Frau die ihren Abschluss feierte und ihn dabei betrunken angerufen hatte, retten? Was trieb ihn dazu sich zwischen sie und José zu stellen, als ihr bis dahin bester Freund zudringlich geworden war, um ihr im Anschluss beim Kotzen zuzusehen und ihr die Haare zu halten? Warum fühlte er sich für sie, Anastasia Steele verantwortlich? All die Gedanken waberten ihr in ihrem benebelten Zustand durch den Kopf, doch sie brachte es nicht fertig auch nur einen davon in klare Worte zu fassen. Anastasia schwankte etwas, sofort legte Christian schützend den Arm um ihre Schulter. Schließlich war das Glas Wasser leer und sie stellte es auf die Theke der Bar. Während Christian nach ihrer Hand griff und sie in Richtung Tanzfläche zog, wurde sie sich das erste Mal an diesem Abend der Nähe zu diesem Mann bewusst. In den zuckenden Lichtkegeln, die ihr in ihrem betrunkenen Zustand mehr zusetzten als sonst, konnte sie erkennen, dass er ein weißes Leinenhemd trug, welches leger über die enganliegende Jeans fiel. Der offene Hemdkragen ließ ein paar Brusthaare hervorblitzen. Darüber trug er ein dunkles Jackett. Das Outfit wurde abgerundet mit dunklen Chucks, die Farbe konnte Anastasia beim besten Willen nicht erkennen.

Erst als Christian sie in seine Arme zog, erkannte sie seine Absicht mit ihr zu tanzen. Wahrlich keine gute Idee.

Christian konnte Anastasia die Abwehr gegen seine Absicht mit ihr zu tanzen in den Augen ablesen und musste amüsiert grinsen. Er war unverschämt und selbstsüchtig in seinem Verhalten, aber diese Situation konnte sich Christian nicht entgehen lassen. Er war sich bewusst, dass Anastasia sich niemals so breitwillig seinen Tanzschritten angepasst hätte, wäre sie nicht derart betrunken gewesen. Er zog sie näher an sich, so dass sich ihre Körper berührten und er ihre Wärme spüren konnte. Und doch war es nicht nahe genug. Er bekam eine dunkle Ahnung, dass es niemals nah genug sein würde.

Anastasia genoss die Nähe zu Christian und folgte ohne zu zögern seinen Schritten, wider Erwarten klappte das Tanzen mit ihm ganz gut und sie entspannte sich. Doch sobald er sie so nahe an sich zog, dass sie jeden Muskel seines Körpers unter seinem Hemd spüren konnte, stieg in ihr wieder die altbekannte Anspannung, die Christians Anwesenheit immer in ihr auslöste. Ein Satz, den ihre Mutter ihr vor einigen Jahren Monatelang vorbetete, kam Ana in den Sinn „Trau keinem Mann der tanzen kann.“ Geschickt steuerte Christian sie beide durch die wogenden Leiber gleichgesinnter zur gegenüberliegenden Seite der Tanzfläche, wo Kate sich förmlich die Seele aus dem Leib tanzte und Elliot, Christians Bruder, ziemlich einheizte. So kannte Anastasia ihre Freundin nur, wenn sie Feuer und Flamme für ihr Gegenüber war. Und da Kate immer das Bekam was sie wollte, würden sie wohl am Morgen zu dritt am Frühstückstisch sitzen. Nur mit Mühe unterdrückte Anastasia ein Seufzen. Ausgerechnet Christians Bruder!

Christian hielt sie sicher im Arm, während er sich zu seinem Bruder beugte und ihm etwas ins Ohr brüllte, Anastasia verstand kein Wort von dem was die beiden Sprachen, so dass sie sich darauf beschränkte, Elliot zu betrachten. Christians Bruder war groß, blond und breitschultrig, die Augenfarbe konnte sie durch das ständige Wechseln des Lichts nicht erkennen. Allerdings fiel ihr der spöttische und gleichzeitig belustigte Ausdruck darin auf. Anastasia bemerkte besorgt, dass Kate sich nur zu gerne von Elliot in dessen Arme ziehen ließ und förmlich an dessen Lippen hing. Anastasia verstand Kate nicht, wie konnte sie derart vertraut mit einem Mann sein, den sie gerade erst wenige Minuten kannte? Bevor Anastasia mit Kate ein Wort wechseln konnte, zog Christian sie von der Tanzfläche und ihr blieb nichts anderes übrig Kates fröhliches Winken zu erwidern und ihm zu folgen. Herrje, hoffentlich dachte Kate an die Verhütung, wenn es bei den beiden zur Sache ging. Ihre Freundin ließ sich zu oft von ihren Emotionen verleiten und mehr als einmal hatten die beiden zusammen vor einem Schwangerschaftstest gewartet und erleichtert aufgeseufzt, wenn das Ergebnis negativ war und das nur, weil Kate unvorsichtig gewesen war. Doch mehr vermochte Anastasia an Sorge nicht mehr aufzubringen. Plötzlich war es ihr in der Kneipe zu laut, das Licht zu grell und alles begann sich zu drehen. Ana gelang noch ein „Christian…“ zu flüstern bevor sie wegsackte und der Boden immer näherkam.

„Verdammter Mist“ hörte sie Christian noch fluchen, dann wurde alles schwarz und dunkel um sie herum.

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