50 Shades of Grey – My View Kapitel 3

DISCLAIMER: Die Charaktere von 50 Shades of Grey gehören ausschließlich E. L. James. Ich verdiene kein Geld damit und habe auch sonst keinen finanziellen Nutzen davon.

FSK 18! Die Story ist für Kinder und jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet.

Kate war völlig aus dem Häuschen, wie erwartet. „Das gibt es ja nicht. Was wollte Grey bei Clayton’s?“
Anastasia wanderte durch den vollgestopften Lagerraum, versuchte Ruhe zu bewahren und lässig zu klingen. „Er war wohl gerade in der Gegend.“
„Bist du dir da sicher? Ein sehr großer Zufall, findest du nicht? Ich denke, Christian Grey wollte dich wieder sehen. Grey hat dich auf dem Radar, liebes!“

Kates Stimme klang bei ihrer Feststellung sehr zufrieden und Anastasias Herz machte bei dem Gedanken, Christian sei wirklich wegen ihr in den Baumarkt gekommen einen Sprung. Doch ihre Freude währte nur kurz, sie wusste, weshalb er tatsächlich hier in der Gegend war.
„Mach mal Halblang Kate, bevor du schon einen Artikel über unsere Hochzeit und Babys verfasst. Er war wegen der WSU hier. Er unterstützt dort die landwirtschaftliche Forschungsabteilung.“ Bremste Ana die allzu romantischen Gedanken ihrer Freundin.

„Das weiß ich längst. Er hat der Fakultät 2,5 Millionen Dollar gespendet.“

„Heilige Scheiße, woher weißt du das?“ keuchte Anastasia. Beinahe drei Millionen Dollar, eine Menge Geld! Einfach so gab Christian seine Millionen an eine Abteilung an ihrer Universität, damit Studenten forschen, lernen und sich weiterbilden konnten. Der Typ war zu gut, um wahr zu sein.

„Schätzchen, ich bin Journalistin und habe ein Feature über Christian Grey geschrieben. Es ist meine Aufgabe so etwas zu wissen!“

„Ja, ja, schon gut!“ besänftigte Anastasia ihre Freundin. „Willst du nun Fotos von ihm oder nicht?“

Anastasia konnte sich Kate bildlich vorstellen, wie sie hin und hergerissen auf ihrem Daumennagel herum biss und überlegte. „Natürlich will ich diese verdammten Fotos. Nur wo sollen wir sie machen und vor allem welcher Fotograf wird so kurzfristig einen Auftrag einschieben können?“

„Christian meinte er sei noch ein wenig länger in der Gegend, ich könnte ihn fragen wo ihm das Shooting zusagen würde.“

„Wie meinst du das, du kannst ihn fragen? Sag bloß der reiche, mysteriöse und heiß begehrte Junggeselle von Washington State hat dir seine Handynummer gegeben?“ Kate schnappte nach Luft und Anastasia verdrehte die Augen. Ihre Freundin war immer so melodramatisch in solchen Dingen. „Ja hat er!“ „Anastasia, er mag dich. Ganz sicher sogar. Unglaublich. Meine Freundin hat Christian Greys Handynummer!“

„Kate, komm mal wieder runter. Er ist nett, mehr nicht.“ Anastasia wusste, dass diese Umschreibung nicht auf Christian passte. Höflich, mit Sicherheit, aber nett? Wohl kaum.

Doch die Hoffnung keimte erneut in ihrem Herzen auf und Anastasia wollte Kate nur zu gern glauben. Vielleicht war er ja doch ein wenig von ihr fasziniert? „Ich bin froh, dass Sie und nicht Miss Kavanagh das Interview geführt haben.“ Anastasia bekam eine Gänsehaut, als sie Christians Stimme in ihrem Kopf diese Worte sagen hörte, als würde er hier neben ihr in dem staubigen Lagerraum stehen. Kate riss sie aus ihren verwirrenden Gedanken. „Das mit dem Fotografen ist echt ein Problem. Levi, der solche Jobs normalerweise übernimmt, ist ausgerechnet dieses Wochenende zu seiner Familie nach Idaho Falls gefahren. Der wird sich ganz schön in den Hintern beißen, wenn er hört, wen er da vor die Linse bekommen hätte, wäre er hiergeblieben.“ Kate kicherte und schwieg nachdenklich. Anastasia dachte ebenfalls nach, bis ihr die rettende Idee kam. „Wie wäre es mit José? Ich weiß, er ist noch kein Profi, aber er hat wirklich Talent.“ „Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen. Wenn du ihn fragst, wird er den Auftrag mit Sicherheit übernehmen. Für dich würde er mit nackten Füßen über glühende Kohlen gehen. Und setz dich mit Christian Grey in Verbindung, damit wir wissen, wo wir hinkommen sollen.“

Anastasia ärgerte sich ein wenig wegen Kates Äußerung über José. Wahrscheinlich, weil sie wusste, dass ihre Freundin mit ihrer Aussage direkt ins Schwarze traf. Josés Schwärmerei für ihre eigenen Zwecke auszunutzen ging Anastasia jedoch gehörig gegen den Strich.

„Ruf du Christian besser an“ bat Ana ihre Freundin. Unfassbar was für ein Hasenfuß sie war. Sie bekam feuchte Handflächen vor Aufregung, wenn sie nur daran dachte mit Christian am Telefon zu sprechen, seine samtweiche Stimme zu hören, wie er leise ihren Namen aussprach. Allein bei der Vorstellung wurden ihr die Knie weich.

„Das machst du mal schön selbst Anastasia. Du bist diejenige, die einen Draht zu Grey hat, und ihm schon mehrere Male begegnet ist.“ Ana nahm eine leichte Verbitterung in den Worten von Kate wahr und Schuldgefühle ließen ihr die Kehle eng werden. Bevor sie auch nur einen Satz hervorbringen konnte, gab Kate ihr weitere Anweisungen. „Es sieht ganz danach aus, dass Christian Grey dich näher kennen lernen möchte, also wirst du ihn kontaktieren.“ Die beiden Freundinnen verabschiedeten sich mit gemischten Gefühlen voneinander und Anastasia wählte Josés Nummer. Sie erreichte nur die Mailbox und sprach ihm eine Nachricht darauf, in der sie ihm ihr Anliegen kurz erläuterte und ihn bat zurückzurufen. Gerade als sie fertig war, kam Paul auf der Suche nach Schmirgelpapier ins Lager. „Da draußen ist Krieg sag ich dir.“ Schnaufte er „Tut mir leid, ich komme sofort.“ Anastasia wandte sich zur Tür, doch Paul hielt sie auf. „Woher kennst du Christian Grey?“ erkundigte er sich und der Versuch seine Neugierde zu verstecken, schlug fehl. Anastasia seufzte innerlich. „Ich habe ihn für die Studentenzeitung interviewt. Kate war krank und ich bin für sie eingesprungen.“ Sie zuckte mit den Achseln, als wäre es für sie das normalste von der Welt und an der Tagesordnung Self-Made-Millionäre zu interviewen.

„Christian Grey im Clayton’s. Nicht zu fassen!“ Paul schüttelte noch immer verwundert den Kopf und Anastasia versuchte sich davon zu stehlen. „Hast du Lust auf einen Drink heute Abend?“ stellte er die Frage, der Ana nicht schnell genug hatte entkommen können. Jedes verdammte Mal, wenn er in der Stadt war, versuchte Paul sie zum Ausgehen zu überreden. Und wie all die vergangenen Fragen vorher, gab Anastasia ihm einen Korb. „Findet nicht ein Familienessen oder sowas in der Art bei deinem Bruder statt?“ wich sie Pauls Angebot aus. „Das ist erst Morgen.“ Lächelte er äußerst zufrieden. „Tut mir leid, Paul, nächste Woche sind Prüfungen und ich werde bis dahin jeden Abend lernen müssen.“ Startete Anastasia Plan-B der Dating-Abwehr. Sie mochte Paul, aber mehr auch nicht. „Ana, eines Tages wirst du schwach werden und „Ja“ sagen.“

Sie schüttelte über so viel Optimismus fassungslos den Kopf und flüchtete wortlos in den Verkaufsraum.

Endlich rief José Anastasia zurück, schien jedoch nicht sehr begeistert, über die Möglichkeit Christian Grey ins rechte Licht zu rücken. „Ich fotografiere Orte, keine Menschen!“ stöhnte er und Anastasia schwammen alle Felle davon. „José bitte, tu es für mich.“ Bettelte sie und zog die Karte, die sie eigentlich nicht hatte spielen wollen. Doch die Versuchung Christian nochmals zu sehen, ihm nahe zu kommen, war zu groß und sie vergaß kurzzeitig ihre Prinzipien. Aber José ließ sich auch dadurch nicht erweichen.

„Gib mir mal das Telefon.“ Flüsterte Kate und hielt auffordernd die Hand hin. Anastasia seufzte niedergeschlagen und nickte. „Kate möchte dich sprechen.“ Kate warf ihre rotblonde Mähne zurück, nahm das Mobiltelefon in die Hand und stemmte die andere in ihre schmale Hüfte. „Jetzt hör mir mal gut zu, José Rodriguez, wenn du möchtest, dass unsere Zeitung über deine Vernissage berichtet, wirst du das Fotoshooting durchziehen. Kapiert?“

Anastasia riss schockiert die Augen weit auf, sie wäre nie auf die Idee gekommen in diesem Ton mit ihrem besten Freund zu sprechen. „Sehr gut, wir verstehen uns. Natürlich wird dein Name als Quelle unter den Fotos angegeben. Ana wird sich nochmal bezüglich Treffpunkt und Ort melden. Wir sehen uns dann morgen.“ Forsch beendete Kate das Gespräch ohne ein weiteres Wort.

„Gebongt, José übernimmt das Shooting. Jetzt müssen wir nur noch mit Grey den Treffpunkt und die Uhrzeit abstimmen. Am besten rufst du ihn gleich an.“ Kate hielt Anastasia auffordernd das Mobiltelefon vor die Nase. Vor Nervosität wurde ihr schlecht und Ana überkam die Angst, sich peinlicherweise vor Kate übergeben zu müssen. „Worauf wartest du denn? Ruf ihn an, JETZT!“ Ihre Freundin führte sich manchmal wie ein General auf, der seine Truppen in die Schlacht führte. Mit finsterer Miene kramte Anastasia die edle Visitenkarte von Christian aus der Tasche und wählte die aufgedruckte Handynummer. Ihre Hände wurden feucht und ihr Herz schlug doppelt so schnell wie normal, aufgeregt lauschte sie dem Klingelzeichen. Nach dem zweiten langgezogenen Ton ging er ran. „Grey.“ Tönte seine kultivierte Stimme in Anastasias Ohr. „Hi, Mr. Grey. Hier ist Anastasia Steele.“ Sie war so nervös, dass ihr die Worte fehlten. Auch Christian schwieg einen Moment. „Miss Steele. Wie schön, dass Sie anrufen.“ Anastasia bildete sich ein, dass er überrascht war von ihr zu hören, auch wenn seine Stimme ruhig und für sie sehr verführerisch klang.

Sie räusperte sich, bemerkte Kates ungläubigen Blick, die mit offenem Mund staunend vor ihr stand. Ana drehte sich von ihr weg und eilte in die Küche, um mit Christian ungestört sprechen zu können.

„Wir sprachen heute bei Clayton`s über ein Fotoshooting für den Artikel der Studentenzeitung. Nun, Miss Kavanagh hätte morgen Kapazitäten für das Shooting frei und ein Fotograf stünde auch auf Abruf bereit. Nur noch der Ort und die genaue Uhrzeit sind offen. Wo würde Ihnen der Termin denn zusagen?“ plapperte Anastasia drauf los und versuchte ihre Atmung in den Griff zu bekommen. Sie konnte sich das aufblitzende charmante Lächeln, dass eine so fatale Wirkung auf ihr Nervensystem hatte, nur zu gut vorstellen. „Ich habe für meinen Aufenthalt in Portland ein Zimmer im Heathman gebucht. Wie wäre es dort?“ Anastasia hörte kurz Papierrascheln, bevor Christian weitersprach. „Ich würde sagen gegen halb zehn am Morgen?“ „Das passt, wir kommen dann ins Heathman!“ stimmte sie zu und kam sich wie eine Närrin und nicht wie eine erwachsene Frau vor. „Ich freue mich auf Sie, Miss Steele.“ Ohne ein weiteres Wort beendete Ana das Gespräch, zu durcheinander, um sich darüber Gedanken zu machen wie unhöflich ihre Reaktion wirken musste. Sie versuchte sich zu sammeln, da kam Kate auch schon in die Küche gerauscht und musterte sie amüsiert. „Anastasia Rose Steele. So kenne ich dich überhaupt nicht. Sag bloß, Christian Grey gefällt dir? Du musst nicht gleich rot werden!“ kicherte sie und Anastasia verdrehte die Augen. „Kate, was hat das denn damit zu tun? Du weißt doch, dass ich andauernd rot werde.“ Die Worte entschlüpfen ihr in einem schärferen Ton als Kate von ihr gewohnt war und sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen, als Kate überrascht einen Schritt zurück stolperte. „Er schüchtert mich ein, okay?“ murmelte Anastasia und gab Kate den Treffpunkt und die Uhrzeit des Shootings weiter. „Das Heathman, das passt ja! Ich werde den Geschäftsführer dort kontaktieren, dass wir morgen für die Session einen der Veranstaltungsräume oder vielleicht eine der Suiten nutzen können.“

„Tu das, ich koche uns in der Zwischenzeit etwas. Danach werde ich wohl noch etwas lernen müssen.“ Murmelte Ana, die ihren Ärger, wegen der nicht sehr feinfühligen Bemerkungen von Kate, kaum im Zaum halten konnte.

Christian saß halbnackt an seinem Schreibtisch und starrte blicklos auf die mit unzähligen Papierstapeln bedeckte Oberfläche. Anastasia hatte sich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt zum Anrufen ausgewählt. Seine Jeans, die locker auf seinen schmalen Hüften saß, spannte unangenehm im Schritt und alles an ihm schrie danach zu Anastasia zu fahren, sie auf das Bett zu schubsen und sie hart und schnell zu nehmen. Allein bei dem Gedanken daran zuckte sein erregter Penis in der viel zu eng sitzenden Jeans. Ächzend stand er auf, schwankte kurz, bevor er sich streng zur Ordnung rief und sich mit unsicheren Schritten in das Nebenzimmer aufmachte. Kurz bevor er die Tür erreichte, fiel sein Blick auf den blauen Schutzanzug, den Anastasia ihm am Nachmittag bei seinem Besuch im Baumarkt aufdrängte. Warum eigentlich nicht? Er schlüpfte in den Anzug, der sich weich an seinen nackten, mit Narben übersäten, Oberkörper schmiegte. Er würde sehen, ob sich das Material für sein Vorhaben eignete.

Die junge Frau, die nackt mit über dem Kopf gefesselten Armen und weit gespreizten Beinen auf ihn wartete, stöhnte leise auf, als sie ihn dabei beobachtete, wie er, einer Raubkatze gleich, auf sie zukam. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, sie bäumte sich unter seinem Blick lustvoll auf, doch kein Wort drang ihr über die Lippen, den er ihr sorgfältig mit dem eigens dafür besorgten Kreppband zugeklebt hatte. Sein Verlangen die Kontrolle zu behalten und diese über sich und seinen Körper zurückzuerlangen wurde übermächtig und so stürzte er sich auf die Frau, wie ein Raubtier auf seine wehrlose Beute. Er nahm die auf BDSM spezialisierte Prostituierte hart ran, wie er es am liebsten mochte. Doch nichts half, auch nicht der Schnelle, harte, gefühlskalte und unbarmherzige Sex am Ende der Session. Noch immer wütete das glühende Feuer der nackten Begierde in seinem Innern. Mit jedem harten Stoß, stellte sich Christian Anastasias vor Lust gerötete Wangen vor, wie sie ihre verführerischen Lippen öffnete und in purer Extase seinen Namen schrie und nach mehr und immer mehr bettelte. Er kam außergewöhnlich heftig zum Höhepunkt und brach schließlich auf dem Rücken der erschöpften Frau zusammen. Er benötigte einige Minuten, um wieder klar sehen zu können und befreite die namenlose Frau von ihren Fesseln. Ihr schien es gefallen zu haben, zumindest deutete Christian ihr katzenhaftes Lächeln und das befriedigte Leuchten in ihren Augen, auf diese Weise. Er knüllte die Überreste des Schutzanzuges zusammen und warf sie achtlos in den Abfall. Während sich die Prostituierte im Bad frisch machte, räumte er die Utensilien sorgfältig in einen abschließbaren Schrank. Sofort wanderten Christians Gedanken erneut zu Anastasia und die Erektion, die darauffolgte, schmerzte ihn heftig. Ohne nachzudenken öffnete er die Badezimmertür und achtete nicht auf das erschrockene Keuchen der Frau, die ihm in dieser Nacht ihre Dienste anbot. Rücksichtslos drängte er sie in die großzügige Duschkabine, drehte sie mit dem Gesicht grob zur Wand und öffnete mit einem Ruck seine Jeans. Sein Schwanz befreite sich aus seinem Gefängnis und erbarmungslos drang er in die Namenlose Frau erneut ein. „Oh bitte, oh mein Gott!“ stöhnte diese und Christian wusste nicht, ob sie darum bettelte, härter genommen zu werden, oder ob er aufhören sollte. Da ihre Hüften ihn anfeuerten weiterzumachen, beschloss er, dass sie um ersteres flehte und besorgte es ihr heftiger als zuvor. Schließlich ließ er angeekelt von sich selbst von ihr ab und taumelte ins Nebenzimmer. Er sah nicht auf, als sie aus dem Badezimmer kam und auf ihn zukam. Das Geld lag abgezählt auf dem Sideboard und er deutete darauf. „Dein Geld. Und die Verschwiegenheitserklärung!“ Sie nickte wissend. „Du darfst mich gerne nochmal buchen, wenn du hier in der Gegend zu tun hast.“ Schnurrte sie und verließ mit wiegenden Hüften das Hotelzimmer. Nachdem Christian sich den Geruch von käuflichem Sex abgewaschen hatte, schlüpfte er in sein Bett, am anderen Ende der Suite, doch er warf sich immer wieder unruhig unter seinem Laken hin und her. In seinen Träumen verfolgten ihn Gesichtslose Huren, die eine Crackpfeife in den Händen hielten, während er versuchte vor ihnen zu fliehen und schließlich in Anastasias Armen landete, wo er endlich Frieden fand.

Auch Anastasia fand in dieser Nacht keine Ruhe. Immer wieder schreckte sie aus ihren wirren Träumen, die von rauchgrauen Augen, blauen Overalls und wohlgeformten, männlichen Beinen handelten. Hände, die sie streichelten und erregten, und so zu dunklen unerforschten Orten führten. Jedes Mal schreckte Anastasia an diesen Stellen aus dem Schlaf, nur um erneut in den Strudel aus Leidenschaft, Liebe und Zärtlichkeit abzutauchen. Entnervt boxte sie in ihr Kissen. Das durfte doch nicht wahr sein, wenn das die ganze Nacht so weiterging, konnte sie morgen Augenringe aufweisen, bei deren Anblick ein Panda vor Neid erblassen würde. Sie griff auf die altbewährte Methode des Schäfchenzählens zurück und irgendwann, bei Schaf Eintausendsiebenhundertzweiundachtzig, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Anastasia gähnte ausgiebig, während sie ihren VW-Käfer in Richtung Portland lenkte. Neben ihr saß José, während sich sein Freund Travis die Rückbank mit dem Fotoequipment teilen musste. José besprach mit Travis die Vorgehensweise beim Ausleuchten der Fotos von Christian Grey, was Travis hauptsächlich übernehmen würde. Ana überprüfte im Rückspiegel, ob Kate in ihrem Mercedes CLK noch an ihrer Stoßstange klebte. Sie wusste, dass ihre Freundin mit den Fingern ungeduldig auf dem Lenkrad herumtrommelte, da sie mit ihrem Geschoss viel schneller war als Anastasias alter VW-Käfer. Kate war es gar nicht recht gewesen mit zwei Autos zu fahren, entging ihr so die Möglichkeit, José ihre genauen Vorstellungen für die Fotos von Christian Grey mitzuteilen. Aber auch ihr Sturkopf musste beim Anblick der umfangreichen Fotoausrüstung von José kapitulieren.

Endlich fuhren sie in das Stadtzentrum von Portland hinein, wo das Heathman mit der eindrucksvollen rötlichen Steinfassade in den Himmel ragte. Das Hotel war kurz vor dem legendären Crash Ende der Zwanzigerjahre fertiggestellt worden und trotzte der Veränderung der Stadt in würdevoller Eleganz.

Dank Kates Überredungskünsten passierten die beiden Autos, nach einem kurzen Gespräch mit dem Parkwächter, die Schranke zum Hoteleigenen Parkplatz. José und Travis begannen das Equipment auszuladen, während Anastasia und Kate sich gemeinsam auf den Weg zur Rezeption machten. Ana war erstaunt wie souverän Kate der Angestellten den Deal mit dem Hoteldirektor verkaufte und guckte nicht schlecht, als sie zu hören bekam, dass ihnen eine komplette Suite zur Verfügung gestellt wurde. Der eifrige Marketingmanager unterhielt sich mit Kate auf dem Weg dorthin, während die drei anderen ihnen auf dem Fuß folgten. So erfuhr Anastasia, dass der Direktor sich dafür bedankte, dass Kate das Heathman wohlwollend in ihrem Artikel zu erwähnen gedachte. Gleichzeitig entschuldigte sich der Manager dafür, dass das Hotel ihnen eine der „normalen“ Suiten im Haus zur Verfügung stellte, die andere wurde von Mr. Grey selbst bewohnt. Kate flirtete mit dem Manager heftig und er zerfloss förmlich wie Wachs in ihren Händen. Anastasia bewunderte ihre beste Freundin um die Art ihr Gegenüber mit einem Lächeln, einem schüchternen Augenaufschlag oder ihrem legendären stählernen Blick zu entwaffnen.

Kaum hatte sich der Marketingmanager verabschiedet, begann Kate die Räumlichkeiten zu inspizieren. „José, was denkst du? Ich glaube wir machen die Fotos mit dieser Wand im Hintergrund?“ Sie deutete auf die Wand direkt gegenüber dem Fenster, die in dunkelgrüner Farbe mit floralen Mustern ein Blickfang darstellte.

„Ana, könntest du bei der Rezeption anfragen, ob sie uns ein paar Getränke hochschicken? Und du könntest Grey informieren, in welcher Suite wir zu finden sind.“ Anastasia verdrehte die Augen. „Jawohl, Chefin!“

Anastasia wählte die Rezeption über das Telefon an. „Hallo? Kavanagh, hier.“ Meldete sich Anastasia einfachhalber mit Kates Namen. „Wir benötigen einige Getränke. Würden Sie uns Mineralwasser, Cola, Limonade und Apfelsaft aufs Zimmer bringen?“ „Wie Sie wünschen, wir erledigen das sofort.“ Wurde ihre Bitte sofort entgegengenommen. Bevor Ana es sich noch anders überlegen konnte, sprach sie schon weiter. „Könnten Sie Mr. Grey Bescheid geben, dass wir ihn in der Suite erwarten?“ „Ich werde Mr. Grey Ihre Nachricht übermitteln.“

Anastasia bedankte sich bei der Rezeptionistin und beendete erleichtert das Gespräch. Sie war an diesem Morgen noch nicht so weit, um sich mit Christian Grey auseinander zu setzen. Jede Minute, die ihr blieb, sich auf das baldige Zusammentreffen vorzubereiten, nahm sie dankend an. Einige Augenblicke später wurde diskret an die Tür geklopft und ein Page brachte ihnen die bestellten Getränke.

Dreißig Minuten nach dem Pagen kam Christian Grey in die Suite geschlendert und Anastasia blieb das Ende ihres Satzes im Hals stecken. Er sah umwerfend aus. Seine widerspenstigen Haare schimmerten feucht vom Duschen, er trug eine graue weich fallende Flanellhose und ein weißes Hemd, dessen oberen Knöpfe nicht geschlossen waren. Christian Grey sah genauso aus, wie man sich einen erfolgreichen Geschäftsmann vorstellte: Lässig und sehr sexy. Anastasias Blick fiel auf einen Mann, der hinter Christian die Suite betreten hatte. Seine Haare waren kurz geschoren, er trug einen schwarzen Anzug mit Krawatte, doch der Dreitagebart gab seinem Aussehen etwas Wildes, gefährliches. Als er sich mit ausdrucksloser Miene in eine Ecke des Raumes verdrückte und sie alle im Blick behielt, dämmerte es Anastasia: Das musste Taylor, der Bodyguard sein und unter dem schicken Anzugstoff bemerkte sie Berge von Muskeln, die sich anspannten, wenn der Mann sich bewegte. Christian trat auf sie zu und Anastasia kam sich vor wie ein Reh, dass in den Fokus eines Autoscheinwerfers geriet. Sie konnte Christian nur wie hypnotisiert anstarren. „Miss Steele, welch eine Freude Sie wiederzusehen.“ Er streckte ihr zur Begrüßung die Hand hin, die sie zitternd ergriff. Wieder, wie schon in seinem Büro, spürte sie das elektrisierende Kribbeln und Knistern, als sich ihre Hände berührten, so dass Anastasia errötete und ihr die Worte fehlten.

Schließlich entzog sie ihm ihre Hand und versuchte zu sich zu kommen. „Mr. Grey, darf ich Ihnen Katherine Kavanagh vorstellen.“ Kate trat zu den beiden heran, als sie ihren Namen hörte und blickte furchtlos in Christian Greys graue Augen. Warum war Kate gegen Christians Charme immun und sie nicht? Anastasia beneidete Kate in diesem Moment sehr um deren Coolness.

„Jetzt darf ich die beharrliche Miss Kavanagh endlich persönlich kennenlernen. Sie haben meine Presseabteilung ganz schön in Atem gehalten und das ist als Kompliment gemeint. Wie geht es Ihnen? Anastasia erwähnte, dass Sie letzte Woche gesundheitlich sehr angeschlagen waren.“ „Kate lächelte dezent und erwiderte seinen Händedruck, ohne mit der Wimper zu zucken. Anastasia bemerkte, wie ihre Freundin in die Rolle der gut erzogenen Tochter von wohlhabenden Eltern schlüpfte. Man merkte ihr an, dass sie die teuersten Privatschulen Washingtons besucht hatte und ihre Eltern sehr viel Einfluss und Macht besaßen, um Kate in einer sicheren Position der Gesellschaft der oberen Zehntausend aufwachsen zu lassen.

„Danke der Nachfrage, Mr. Grey. Ich bin wieder vollends genesen. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit für dieses Fotoshooting nehmen.“ Kate benahm sich ungewöhnlich höflich, distanziert und professionell.

„Es ist mir ein Vergnügen.“ Widersprach Christian Kate, doch sein Blick blieb an Anastasia hängen, die erneut errötete.

„Darf ich Ihnen unseren Fotografen vorstellen, José Rodriguez.“ Übernahm Kate die weitere Vorstellungsrunde und überging die Anspielung Christians gekonnt. José lächelte Ana kurz und liebevoll zu, bevor er sich an sein Fotomodell wandte. Dabei kühlte sich sein Blick merklich ab, denn IHM war nicht entgangen, wie Christian Anastasia mit seinen Augen förmlich verschlang. „Mr. Grey.“ Er nickte knapp und sein Tonfall ließ die Temperatur im Raum um mindestens zehn Grad sinken. Taylor begann unruhig von einem Bein auf das andere zu wippen, bereit sich jeden Moment vor Christian zu werfen und ihn mit seinem Leben zu beschützen.

„Mr. Rodriguez.“ Auch Christians Stimme klang eiskalt und seine Miene erstarrte zu einer harten, ausdruckslosen Maske, während er den jungen Mann vor sich musterte.

„Wo soll ich mich hinstellen?“ Christian strahlte plötzlich etwas Bedrohliches aus und Kate, die sich das Verhalten der beiden Männer bisher ruhig angesehen hatte, ging dazwischen. Nichts, aber auch gar nichts, auch kein Eifersuchtsdrama, welches sich hier anzubahnen schien, würde ihr dieses Shooting kaputt machen. „Mr. Grey, wir haben uns für diese Ecke hier entschieden. Einfach hinsetzen. Vorsicht, da ist ein Kabel am Boden. Im Anschluss, wenn es Ihre Zeit zulässt, hätte ich gerne noch einige Aufnahmen von Ihnen, im Stehen. Kate dirigierte Christian zu dem bereits arrangierten Stuhl an der Wand.

Travis schaltete das Licht des Beleuchtungsschirms ein, blendete Christian und entschuldigte sich nuschelnd bei ihm, was dieser gelassen hinnahm. Nachdem seine Aufgabe erledigt war, trat Travis neben Anastasia, die sich dezent im Hintergrund hielt und José bei seiner Arbeit zusah. Zunächst schien er einige Probeaufnahmen zu machen, bat Christian den Kopf mal nach links oder rechts zu drehen, den Arm etwas anzuheben, zu senken, sich leicht nach vorne zu beugen. Schließlich wechselte José die Position und verwendete sein Stativ, auf dem er die Kamera befestigte. Christian saß geduldig auf seinem Sitzplatz, befolgte Josés Anweisungen und saß ganz natürlich zwanzig Minuten lang Modell, als wäre dies sein Hauptberuf.

Anastasias geheimer Wunsch ging somit in Erfüllung. Sie durfte Christian aus nächster Nähe anhimmeln und sie war peinlich berührt, als er sie mehrmals dabei ertappte. Immer, wenn sich ihre Blicke trafen, erwärmte sich das dunkle Grau seiner Augen spürbar und es fiel ihr schwer sich nicht von ihnen betören zu lassen. Beschämt schloss sie jedes Mal ihre Augen, atmete tief durch und zählte bis zehn.

„Ich denke da werden einige gute Aufnahmen dabei sein, was meinst du José? Noch einige Ganzkörperaufnahmen?“ mischte sich Kate ungewohnt taktvoll in die Arbeit von Anas bestem Freund ein. Travis räumte den Stuhl zur Seite und Christian stellte sich in Position. Der Auslöser von Josés Nikon klickte unaufhörlich und nach fünf Minuten ließ er die Kamera sinken. „Ich glaube wir haben genug Material.“

„Vielen Dank Mr. Grey.“ Erneut reichte Kate Christian ganz zwanglos die Hand, José tat es ihr gleich, wenn auch wortlos.

„Ich freue mich sehr auf den Artikel, Miss Kavanagh. Es ist mir immer ein Vergnügen, strebsamen jungen Menschen behilflich zu sein. So gerne ich noch ein wenig bleiben würde, um zu plaudern und sie alle näher kennen zu lernen, muss ich mich leider verabschieden. Die Geschäfte.“ Christian lächelte leicht und wandte sich direkt an Anastasia. „Begleiten Sie mich noch hinaus, Miss Steele?“ Unsicher warf sie Kate einen Blick zu, die unmerklich mit den Schultern zuckte. Ana bemerkte Josés finsteren Gesichtsausdruck und unbehaglich sah sie Christian an. „Natürlich, Mr. Grey.“ Taylor öffnete den beiden die Tür, trat in den Flur, nicht ohne einen Blick nach rechts und links zu werfen. „Auf Wiedersehen.“ Verabschiedete Christian sich erneut und folgte Taylor, neben dem Anastasia nervös stand und sich fragte was er von ihr wollte und vor allem was das Ganze hier sollte. „Taylor, würden Sie uns einige Minuten allein lassen? Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche.“ Der Personenschützer nickte und verschwand diskret in Richtung Treppenhaus.

Als Taylor verschwunden war, richtete sich Christians ganze Aufmerksamkeit auf Anastasia und er betrachtete sie mit einem ernstem Blick, dass sie sich zu fragen begann, ob sie sich in der Suite wohl falsch verhalten hatte.

„Hätten Sie Lust, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“

Überrascht verschluckte sich Anastasia und unterdrückte hastig einen Hustenanfall. „Es tut mir leid, Mr. Grey, aber ich kann nicht bleiben. Ich habe heute den Chauffeur gespielt.“ Anastasia bemerkte, wie sehr sie es bedauerte, diese Einladung nicht annehmen zu können. „Müssen alle zurück zur Universität?“ erkundigte er sich, während er das Handy zückte. Anastasia nickte. „Taylor, könnten Sie den Fotografen, seinen Assistenten und Miss Kavanagh zurück zur WSU fahren? Gut. Bis gleich.“ Ana stand mit offenem Mund neben Christian und konnte nicht glauben, dass er darüber entschied, wie ihre Freunde zurück zur Uni kamen. Christian deutete ihr Erstaunen vollkommen falsch. „Taylor ist mein Chauffeur, wir sind mit einem geräumigen Wagen hier, wo alle Personen und die Ausrüstung problemlos Platz finden werden. Problem gelöst, dem gemeinsamen Kaffee steht somit nichts mehr im Wege.“

Taylor kam den Flur entlang geschlendert und Anastasia schoss durch den Kopf, dass sie sich einen Chauffeur ein wenig anders vorstellte.

„Das wird nicht nötig sein, Mr. Grey. Wirklich. Ich rede kurz mit Kate, damit wir die Autos tauschen. Problem gelöst.“ Lächelte sie, als sie seine Worte wiederholte. Taylors Lippen zuckten und Christians Gesicht begann zu strahlen, dass Anastasias Herz stolperte, bevor es doppelt so schnell schlug wie normal. Anastasia huschte an den beiden Männern vorbei, in die Suite, wo sie schon gespannt erwartet wurde, denn als sie eintrat verstummte das Gespräch zwischen Kate und José schlagartig. „Ana. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Christian Grey auf dich steht! Aber ich denke, das ist keine gute Idee. Er ist eine Nummer zu Groß für dich, er ist aalglatt und ich traue ihm nicht.“ Kam ihre Freundin direkt auf den Punkt und ließ sie nicht zu Wort kommen. José stand neben Kate, pflichtete ihr mit einem Kopfnicken bei und musterte Ana finster.

„Stop!“ Ana hob die Hand und Kates Mund klappte sofort zu. „Kate, können wir später darüber sprechen? Jetzt musst du die beste Freundin der Welt sein und mit mir das Auto tauschen. Du nimmst Wanda und fährst die Jungs samt Ausrüstung zur Universität und ich komme mit dem Mercedes später nach.“ „Warum?“ fragte Kate argwöhnisch und da sie José und seinem Temperament nicht traute, schob sie Anastasia ins Nebenzimmer und knallte die Tür hinter ihnen zu. „Christian Grey hat mich gebeten mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen.“ Platzte es aus Anastasia heraus.

Katherine drehte sich abrupt zu ihr herum und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund sprachlos an. Das hatte es in ihrer langjährigen Freundschaft noch nie gegeben, dass Katherine Kavanagh um Worte verlegen war! Das sie das noch erleben durfte.

„Anastasia, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Du hattest Recht, er sieht wahnsinnig gut aus, ist höflich und all das, aber er ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Ich halte ihn für sehr gefährlich, besonders für jemanden wie dich.“

Was sollte das denn bitte heißen? Anastasia nahm gekränkt Luft. „Wie meinst du das, Katherine?“ „Du weißt genau was ich meine. Du bist ein unerfahrenes Mädchen. Lieb, nett, süß. ER dagegen….“ Anastasia sah, dass Kate sehr besorgt um sie war und ihr Ärger verpuffte. „Ach Kate, es geht nur um eine Tasse Kaffee. Ich habe eh keine Zeit, um mich auf mehr einzulassen, die Prüfungen, schon vergessen? Ich werde wahrscheinlich noch vor euch zurück sein.“ Scherzte sie. Kate zögerte und kramte schließlich ihren Autoschlüssel aus ihrer Handtasche hervor. Anastasia überreichte ihr ihren eigenen für den VW.

„Okay, sei um Himmels willen vorsichtig, lass dich zu nichts drängen und mach ja nicht so lang, sonst schicke ich dir einen Suchtrupp auf den Hals.“ „Ja Mama, du bist einfach die Beste.“ Grinste Anastasia und verließ die Suite, José war nirgends zu sehen.

Als sie auf den Flur trat, stand Christian Grey an der Wand gelehnt, ein Bein angewinkelt und ihr Herz hüpfte in ihrer Brust. Er sah aus, wie aus dem GQ Magazin entstiegen und er wartete nur auf SIE. „Na dann, gehen wir einen Kaffee trinken.“ Murmelte sie schüchtern und er stieß sich von der Wand ab. „Nach Ihnen, Miss Steele.“ Anastasia ging auf wackeligen Knien und mit tausend Schmetterlingen im Bauch voraus und konnte ihr Glück kaum fassen. Sie näherten sich den Aufzügen und mit einem Mal war ihr Kopf wie leergefegt. Worüber sollten sie sich unterhalten? Sie hatten weder dieselben Interessen noch verkehrten sie in denselben Kreisen. „Wie lange kennen Sie Katherine Kavanagh?“ riss Christian Anastasia aus ihren panischen Gedanken.

„Seit dem ersten Semester. Wir sind sehr gut befreundet.“ „Hm.“ Seine unverbindliche Antwort darauf wusste Ana nicht zu deuten. Sie fragte sich was ihm wohl für Gedanken durch den Kopf schossen. In dem Moment, in dem Christian per Knopfdruck den Aufzug rief, öffnete dieser nahezu direkt mit einem leisen „Pling“ die Türen und gab den Blick auf ein junges Paar in einer leidenschaftlichen Umarmung frei, die ertappt auseinandersprangen, als sie ihre Zuschauer wahrnahmen.

Anastasia betrat zusammen mit Christian die Aufzugkabine und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, senkte jedoch den Blick gen Fußspitzen, denn sie war sich nicht sicher einen Lachanfall unterdrücken zu können, da das Pärchen noch immer peinlich berührt weit auseinander stand. Einige Sekunden später schielte sie in Richtung Christian und auch sein Mund wurde von einem amüsierten Lächeln umspielt. Die Stille im Fahrstuhl breitete sich aus, es gab auch keine nichtssagende Berieselungsmusik, die der Ablenkung hätte dienen können.

Schließlich glitten die Türen mit einem leisen „Pling“ auseinander und zu Anastasias Überraschung ergriff Christian Grey mit seinen langen und angenehm kühlen Fingern ihre Hand. Erneut spürte sie das erotische Knistern zwischen ihnen beiden und ihr Puls stieg sprunghaft in ungeahnte Höhen. Als sie schließlich die Kabine verließen drang das gedämpfte Kichern des Paares hinter ihnen an Anastasias Ohren.

„Was haben diese Aufzüge nur an sich?“ schmunzelte Christian. Ana die nichts darauf zu erwidern wusste schwieg.

Sie durchquerten das riesige und imposante Foyer, wo es vor Menschen nur so wimmelte, in Richtung Ausgang. Er zog sie von der altmodischen Drehtür weg und schlüpfte mit ihr durch die Schwingtür, ohne auch nur eine Sekunde Anastasias Hand loszulassen.

Als sie in die milde Mai Luft des frühen Morgens traten, waren noch nicht viele Autos unterwegs. Anastasia blinzelte im Sonnenlicht, deren Wärme sie auf ihrem Gesicht spürte und achtete nicht darauf was Christians Ziel zu sein schien. Schließlich landeten sie an einer Kreuzung, wo sie darauf warteten, dass die Ampel für Fußgänger auf Grün schaltete und Anastasia wurde bewusst, dass sie mit DEM CHRISTIAN GREY hier an der Straße stand und Händchen hielt. Noch nie zuvor war sie in einer vergleichbaren Situation gewesen und sie versuchte sich zu beruhigen. Das erotische Knistern kehrte zwischen ihnen beiden zurück und Ana musste ein dümmliches Grinsen unterdrücken. Es war ja schließlich kein klassisches Date, was hier stattfand. Sie würden nur einen Kaffee zusammen trinken. Die Ampel hatte ein Einsehen und gab ihnen das grüne Zeichen zum Gehen. Schweigend liefen sie zum Portland Coffee House, wo Christian ihr, ganz Gentleman, die Tür aufhielt.

„Suchen Sie uns ruhig einen Tisch aus, ich bestelle in der Zeit schon einmal. Was darf ich Ihnen mitbringen?“ Höflich wie immer, das musste man ihm lassen. „Englischen Frühstückstee, den Beutel bitte extra. Christian stutzte und hob eine Augenbraue. „Kein Kaffee?“ Anastasia lächelte entschuldigend. „Ich mag Kaffee nicht besonders.“ Christian verzog seine Lippen zu einem leichten Grinsen. „Okay, dann Tee, den Beutel extra. Süß?“

Anastasia geriet aus dem Konzept, da sie seine Äußerung den Zucker betreffend für ein Kosewort gehalten hatte, fing sich jedoch recht schnell wieder. „Nein, danke.“ Sie betrachtet nervös ihre Finger. „Etwas zum Essen dazu, vielleicht ein Croissant?“ Sie schüttelte den Kopf und er machte sich auf dem Weg zur Theke, während sie einen Tisch für zwei Personen suchte. Von dort aus beobachtete Anastasia wie Christian wartend in der Schlange stand. Er stach trotz seiner legeren Kleidung aus der Menge heraus. Groß, schlank und mit breiten Schultern, die vom Schnitt seines Hemdes betont wurden. Sie hätte ihn den ganzen Tag anschauen können. Hin und wieder fuhr er sich mit den Fingern durch seine Haare, die danach noch zerzauster als vorher aussahen. In Anastasia keimte der durchdringende Wunsch, ebenfalls das Recht dazu zu haben. Sie seufzte leise und biss sich auf die Lippen, die Richtung, in die ihre Gedanken glitten, war ihr suspekt, fremd und gefiel ihr auch nicht sonderlich.

„Ein Penny für Ihre Gedanken! Ich frage mich hin und wieder, was in Ihrem hübschen Kopf vor sich geht.“ riss Christian Grey sie aus ihren Gedanken und wie immer, wenn Anastasia das Gefühl hatte, bei etwas Ungehörigem oder Peinlichen entdeckt worden zu sein, errötete sie. Was sollte sie darauf antworten? Dass sie gerade darüber sinnierte, ob seine Haare so weich waren, wie sie aussahen? Mit Sicherheit nicht, weshalb sie nur ihren Kopf schüttelte.

Er stellte das volle Tablett auf den kleinen Bistrotisch, dessen zerschrammte Holzoberfläche schon bessere Tage gesehen hatte. Wie selbstverständlich reichte er ihr ihre Tasse, die kleine Teekanne sowie den Teller mit dem Teebeutel, dessen Etikett ihr verrät, dass Christian ihre Lieblingsteesorte bestellt hatte, Twinings English Breakfast. Zufall?

Er selbst nahm sich die bis zum Rand mit Milchkaffee gefüllte Tasse, auf deren Milchschaum ein hübsches Blattmuster zu sehen war. Ihre Gedanken harkten sich an diesem Blatt fest, war sozusagen ihr Anker, um nicht hier in dem Café einen hysterischen Anfall zu bekommen. Christian griff nach dem Blaubeer-Muffin, den er wohl zum Kaffee verspeisen wollte. Nachdem er das Tablet auf dem Nebentisch abgestellt hatte, ließ er sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder und schlug die langen Beine übereinander. Anastasia beneidete ihn um diese elegante Lässigkeit, war sie selbst doch das genaue Gegenteil von Christian. Was zur Hölle machte sie hier eigentlich. Katte hatte vollkommen Recht, Christian Grey war eine Nummer zu groß für sie. Schon wollte sie aufstehen und flüchten. „Und? Was denken Sie?“ Anastasia blieb, wo sie war. „Nur, dass Sie meinen Lieblingstee bestellt haben.“ Gab sie ihm leise Antwort. Naja, gelogen war das nicht gewesen, dass hatte sie tatsächlich gedacht, nur ein oder zwei Gedanken vorher. Sie gab den Teebeutel in die Kanne, tauchte ihn kurz ein und nahm ihn sofort wieder heraus. Christian sah sie aus seinen grauen Augen fragend an. „Ich mag meinen Tee zwar schwarz, aber eher schwach.“ Erklärte Anastasia ihm.

Er nickte und sie nahm an, dass er ihre Vorliebe zwar nicht verstand, aber tolerierte.

„Ist er ihr Freund?“ Ihr Löffel, mit dem sie den Tee gedankenversunken in ihrer Tasse rührte, eine Angewohnheit aus frühesten Kindertagen, fiel klappernd auf den Unterteller. „Wie bitte, Wer?“ fragte Anastasia verwirrt.

„Der Fotograf, wie war nochmal sein Name? Ach ja, José Rodriguez.“

Anastasia lachte, wenn auch etwas nervös. „Nein, wir sind nur sehr gute Freunde, aber wie kommen Sie auf die Idee, dass wir ein Paar sind?“ „Er hat sie so geheimnisvoll angelächelt und Sie ihn ebenfalls, auf dieselbe Weise.“ Christian musterte Anastasia sehr eindringlich und sie bemerkte, wie sie unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschte. Was war das hier? Ein Verhör? Meinte er das wirklich ernst? Sie hätte gerne den Blick abgewendet, doch es gelang ihr nicht. Er fixierte sie wie die Kobra ein Kaninchen, dass in der Falle saß.

„José ist wie ein Bruder für mich!“ stellte Anastasia zwar mit leiser Stimme, aber bestimmt klar. Christian schien zufrieden mit ihrer Antwort und nickte, während er mit seinen Fingern geschickt die Schutzhülle von dem Blaubeer-Muffin entfernte.

Ana sah ihm fasziniert dabei zu. Warum zur Hölle fand sie alles so übermäßig toll was er machte? Sie selbst hatte schon unzählige Muffins von ihrer Verpackung befreit.

„Möchten Sie ein Stück?“ Er hielt ihr mit einem belustigten und gleichzeitig geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen die Hälfte des Muffins hin.

„Nein, aber Danke.“ Lehnte sie ab und versuchte herauszufinden, wann sie jemals eine solch seltsame Verabredung gehabt hatte. Ihr fiel keine ein.

„Der Junge Mann, im Baumarkt gestern ist dann auch nicht ihr Freund nehme ich an?“

Anastasia konnte ein kurzes, lautes Lachen nicht unterdrücken. Langsam wurde es albern. „Paul und ich sind befreundet. Definitiv nicht mehr. Aber das habe ich Ihnen schon gestern gesagt. Warum interessiert Sie das derart?“

„Ich versuche zu verstehen, warum Sie nervös in der Gegenwart von Männern werden.“

Jetzt wurde das Gespräch doch etwas zu persönlich, wie sie befand. Ana fragte sich, warum er „Männer“ nicht mit seinem eigenen Namen ersetzte.

„Nervös ist der falsche Eindruck. Sie schüchtern mich ein.“ Ihr Gesicht wurde flammend heiß und sie wusste, dass ihre Wangen Tomatenrot leuchteten. Aber es stimmte. Christian nahm sehr deutlich vernehmbar tief Luft. Anscheinend war er solch klare Aussagen von einer Frau in seiner Gegenwart nicht gewohnt. Gut! Denn Anastasia war definitiv nicht wie andere Frauen.

„Sehr erfrischend Ihre Ehrlichkeit. Das muss man Ihnen lassen, Sie überraschen mich doch immer wieder.“

SIE überraschte IHN? Es war wohl eher umgekehrt der Fall. „Ana?“ Sie hob ihren Blick und sah ihn aufmunternd lächeln. „Wenn Sie mich nicht ansehen, fällt es mir schwer, mir vorzustellen was Sie denken. Sie sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln und so rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa.“

„An mir ist nichts Rätselhaft, Mr. Grey.“

„Mehr als Sie ahnen. Sie sind sehr zurückhaltend und wenn Sie erröten, was häufig passiert, frage ich mich, weshalb.

Schamlos grinsend steckte er sich ein Stück Muffin in den Mund und begann bedächtig zu kauen, ohne den Blick von ihr zu wenden. Wie aufs Stichwort färbten sich ihre Wangen rosa. Verdammt!

Ana beschloss ihm zuvorzukommen. „Machen Sie oft derart persönliche Bemerkungen?“ „War das zu persönlich? Bin ich Ihnen zu nahegetreten?“ Christian sah sie erstaunt an.

„Nicht wirklich.“

„Gut.“ Dieses kleine Wort sprach er mit solch einer Sicherheit aus, dass es an Arroganz grenzte. „Manchmal sind Sie ziemlich von sich überzeugt.“ Rutschte Anastasia ihr Gedanke laut heraus und am liebsten wäre sie im Erdboden versunken, aber zum Teufel, es stimmte!

Nun war es an Christian verlegen auf dem Stuhl herumzurutschen, ein Umstand, der ihm nicht zu gefallen schien, wie Anastasia zufrieden bemerkte.

„Ich bin es gewohnt meinen Willen durchzusetzen, Anastasia. In allen Lebenslagen und allen Dingen.“ Die Überzeugung, mit der er diese Worte aussprach, ließen keinen Zweifel daran aufkommen.

„Das glaube ich ihnen direkt. Jetzt sitzen wir hier, trinken einträchtig Tee und Kaffee, aber Sie haben mich noch nicht gebeten, Sie beim Vornamen zu nennen.“ Anastasia war selbst überrascht über den Mut, der sich ihrer bemächtigte. Warum nahm das Gespräch plötzlich eine solch ernste Wendung? Wo waren die Leichtigkeit und das Geplänkel geblieben?

Es lag an seinem drängenden Tonfall, als wolle er, dass sie aufstand und ihn hier sitzenließ. Als wolle er sie retten, oder warnen. Nur vor wem? Vor ihm selbst? Aber Christians Verhalten bewirkte genau das Gegenteil, stachelte sie noch mehr an, appellierte förmlich an ihren Starrsinn und so blieb sie erneut, wo sie war.

„Nur meine Eltern, Geschwister und sehr enge Freunde nennen mich bei meinem Vornamen. Und das ist auch gut so.“

Anastasia wartete, dass er ihr dieses für ihn so wichtige Privileg anbot, doch er schwieg. Es schien, als wolle er sie für diese Aufmüpfigkeit rügen. Herrje, war er tatsächlich so ein Kontrollfreak wie Kate einer war? Dann wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn Kate höchstpersönlich das zurückliegende Interview selbst geführt hätte. Ihre Freundin war nämlich ähnlich veranlagt wie Christian und konnte es kaum ertragen, wenn jemand anderes das Sagen hatte. Zudem sahen sich die zwei auch ein wenig ähnlich. Christian und Kate waren rotblond, wie alle Frauen bei Grey Enterprises. Und Kate war schön. Die Bilder, die sich mit den beiden ihrem Kopf formten, gefielen Anastasia ganz und gar nicht. Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Tee und Christian Grey biss noch einmal von seinem Muffin ab.

„Sind Sie ein Einzelkind, oder haben Sie noch Geschwister?“ erkundigte er sich und Anastasia versuchte erneut nicht den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, was sich als schwierig erwies, bei Christians ständigen Richtungs- und Stimmungswechseln.

„Ich habe keine Geschwister.“ Antwortete sie mit einem fragenden Blick, den Christian gekonnt ignorierte.

„Wenn Sie möchten, erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihren Eltern.“ Bat er Anastasia und sie seufzte innerlich.

„Meine Mom lebt mit ihrem jetzigen Ehemann, Bob, in Georgia und mein Stiefvater in Montesano.“ Gab sie ihm die gewünschte Auskunft. „Und Ihr Vater?“ hakte er nach.

Anastasia zuckte mit den Achseln. „Mein Vater ist gestorben, als ich noch ein Baby war. Ich erinnere mich nicht an ihn.“

„Das tut mir sehr leid.“ Der bekümmerte Ausdruck in Christians Gesicht rührte etwas in Anastasias Herz, dass sie nicht zu benennen wusste.

„Ihre Mutter hat wieder geheiratet?“

Anastasia seufzte, diesmal laut und vernehmlich. „So kann man es ausdrücken.“

Christian lächelte leicht. „Sie sprechen nicht gern über Ihr Privatleben, wie?“ Er rieb sich ratlos am Kinn. „Sie doch auch nicht.“ Konterte Ana.

„Ich erinnere mich da an einige sehr indiskrete Interviewfragen.“ Parierte er ihren Seitenhieb und Anastasia erinnerte sich nur zu gut an die Frage, ob er denn Schwul sei. Um ihn abzulenken, begann sie nun doch von ihrer Mutter zu erzählen.

„Meine Mom ist eine tolle Frau, leider eine unverbesserliche Romantikerin. Momentan ist sie mit Ehemann Nummer vier verheiratet.“

Christian hob erstaunt die Augenbrauen, blickte sie jedoch weiter ruhig und gelassen an, so dass Anastasia weitersprach.

„Sie fehlt mir, ihre verrückten Ideen vielleicht nicht so sehr.“ Anastasia grinste ausgelassen und nahm noch einen Schluck Tee. „Bob ist ein guter Ehemann. Bisher hatte er ein gutes Auge auf sie und ich hoffe das bleibt so. Vor allem, dass er den Schaden richtet, wenn eines ihrer Projekte wieder einmal gescheitert ist.“ Anastasia schwieg und dachte an ihre Mutter, die sie schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Christian beobachtete sie mal wieder eindringlich, während er an seinem Kaffee nippte. Das schien eine lästige Angewohnheit von ihm zu sein, das genaue Beobachten. Anas Blick blieb an seinen verführerischen Lippen hängen und schnell zwang sie sich wegzusehen. Sie durfte nicht wieder nervös werden.

„Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Stiefvater?“ bohrte er hartnäckig weiter. Anastasia kam sich vor, wie bei einem dieser verrückten Psychotests, doch sie tat Christian den Gefallen und ging auf die Frage ein.

„Ja. Er ist der einzige Vater, den ich kenne und jemals hatte.“ Sie selbst bemerkte die tiefe Zuneigung, die in ihren Worten mitschwang, aber es war ihr egal.

Christian beugte sich neugierig zu ihr hin. „Wie ist er?“

„Ray? Er ist eher der Schweigsame Typ.“

„Das ist alles?“

Der Mann konnte Fragen stellen! Was erwartete er denn? Ihre Lebensgeschichte und die ihrer Eltern gleich mit?

„Anscheinend hat er dieses Talent seiner Tochter weitergegeben.“ Stellte Christian fest.

Nur mit Mühe verkniff Anastasia es sich, die Augen zu verdrehen.

„Ray ist eher der schweigsame, kernige Typ Mann. Er mag Fußball, kegelt leidenschaftlich gerne und Fliegenfischen ist auch sein Ding. Er ist von Beruf Tischler und er diente in der Armee.“

„Sie haben einige Zeit bei ihm gelebt?“

Anastasia nickte. „Ja. Mit Fünfzehn. Da lernte meine Mutter gerade Ehemann Nummer drei kennen. Ich bin in dieser Zeit bei Ray geblieben.“

Christian lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. „Sie wollten nicht bei Ihrer Mutter leben?“

Das ging ihn nun wirklich nichts an.

„Ich war fünfzehn, mein Lebensmittelpunkt war in Montesano. Ehemann Nummer drei lebte in Texas. Und, naja, die beiden waren frisch verheiratet.“ Anastasia schwieg, mehr konnte sie zu diesem Lebensabschnitt nicht zum Besten geben. Ihre Mutter sprach nie über diese Zeit in Texas. Sie fragte sich worauf Christian hinaus wollte.

„Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihren Eltern.“ Bat sie nun ihrerseits Christian. Schließlich konnte dieses Spiel von zwei gespielt werden.

Nun war es an ihm mit den Achseln zu zucken. „Mein Vater ist Rechtsanwalt, meine Mutter arbeitet als Kinderärztin. Sie leben in Seattle.“ Lautete seine knappe, aber präzise Antwort.

Christian kam aus einer Wohlhabenden Familie. Wie stolz mussten Christians Eltern auf ihn sein. Was für Menschen die beiden wohl waren? Sie stellte sich ein erfolgreiches Paar vor, welches drei Kinder adoptierte, von denen eines zu einem attraktiven Mann heranwuchs und der die Welt des Big Business im Sturm eroberte.

„Was machen Ihre Geschwister?“

„Elliot ist im Bauwesen tätig, tja und meine kleine Schwester lebt in Paris, wo sie von einem berühmten französischen Küchenchef ausgebildet wird.“

Er schien sich unwohl zu fühlen, als er über seine Familie sprach. Er verkrampfte sich am ganzen Körper und seine wunderschönen, grauen Augen umwölkten sich und wurden dunkler.

„Paris soll wunderschön sein.“ Versuchte Anastasia das Thema zu wechseln. Warum er wohl nicht gerne über seine Familie sprach? Weil er adoptiert wurde? Das konnte sie sich nicht vorstellen, Christian ging mit diesem Thema ganz offen um.

„Es ist tatsächlich sehr schön dort. Waren Sie auch schon mal dort?“ erkundigte sich Christian höflich und nahm den Themenwechsel dankbar an.

„Ich habe das Festland der Vereinigten Staaten tatsächlich noch nie verlassen.“ Lachte Anastasia und fragte sich, warum sie nun wieder beim guten alten Small Talk angelangt waren. Was verbarg Christian Grey vor ihr?

„Würden Sie denn gerne mal die Champs Elysée entlang schlendern und auf dem Eifelturm stehen?“ Er legte in Erwartung auf ihre Antwort den Kopf schief und strich sich mit einem Finger über seine Lippen. Anastasia wurde ganz schwummrig im Kopf, als Christian sein ganzes Charisma auf sie losließ.

„Nach Paris?“ krächzte sie und nahm einen großen Schluck von ihrem lauwarmen Tee. „Wer würde nicht gerne nach Paris fahren?“ erfreut stellte sie fest, dass ihre Stimme nicht mehr wackelte und für ihre Verhältnisse selbstsicher klang. „Aber noch lieber würde ich England bereisen.“

„Warum?“

„Ich würde gerne die Orte besuchen, die Shakespeare, Jane Austen, die Brontё-Schwestern und Thomas Hardy zu ihren Werken inspiriert haben. Die Luft von deren Heimat atmen, das wäre schon sehr erhaben, glaube ich.“

Die Schriftsteller der klassischen Literatur erinnerten Anastasia daran, dass sie sich wohl langsam, aber sicher auf den Heimweg machen sollte und sie tauchte aus dieser intimen Blase, die Christian um sie beide herum geschaffen hatte, auf, als sie auf die Uhr sah. „Es tut mir leid, aber ich sollte aufbrechen. Ich muss noch lernen.“ Ehrliches Bedauern schlich sich in ihre Stimme.

„Für die Abschlussprüfung?“

„Ja. Sie beginnt am Dienstag, also habe ich nicht mehr ganz so viel Zeit.“ Anastasia erhob sich widerstrebend von ihrem Sitzplatz. „Wo steht der Wagen von Miss Kavanagh?“ „Auf dem Hotelparkplatz.“ „Dann begleite ich Sie noch dorthin.“

Anastasias Herz schlug einen Purzelbaum. So kompliziert Christian Greys Persönlichkeit auch war, seine Fürsorge rührte sie. Sie war es nicht gewohnt, dass sich jemand um ihre Person sorgte.

„Vielen Dank für den Tee, Mr. Grey.“ Als Antwort erhielt sie eines seiner geheimnisvollen Lächeln, dass nur für sie reserviert schien.

„Gern geschehen, Anastasia. Es war mir ein Vergnügen.“ Er nahm sanft ihre Hand und führte sie durch das Gedränge des Coffeeshops nach draußen. Verwirrt folgte sie ihm. Der Rückweg zum Hotel verlief schweigend und immer, wenn Ana Christian einen Seitenblick zuwarf, wirkte er ruhig und beherrscht. Sie wünschte sich, sie könnte das auch von sich behaupten, doch das Gegenteil war der Fall. Sie versuchte die Verabredung zum Kaffee in eine Schublade zu stecken, scheiterte aber kläglich. Ein Date war es für sie nicht gewesen, teilweise war sie sich vorgekommen, als würde sie ein Vorstellungsgespräch führen, nur war ihr nicht klar für welche Stelle dies gewesen sein sollte.

„Tragen Sie immer Jeans?“ fragte Christian sie plötzlich unvermittelt und riss sie aus ihren Gedanken. Welch seltsame Fragen er immer stellte. „Meistens.“ Er nickte nur und Anastasia hatte mal wieder das Gefühl, das ihre Antwort nicht die richtige gewesen war und sie alles vermasselte, wenn sie auch nicht wusste, was genau. Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Verdacht. Vielleicht hatte Christian Grey schon eine Freundin und verglich sie beide miteinander. „Haben Sie eine Freundin?“ platzte es aus Anastasia heraus, bevor sie sich stoppen konnte.

Christian verzog seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln und sah sie an. „Nein, Anastasia. Ich bin nicht der Typ für eine feste Freundin.“ Teilte er ihr mit sehr sanfter Stimme mit.

Es schien als wolle er noch etwas hinzufügen, ihr einen weiteren Hinweis oder Erklärung geben, doch er hielt sich zurück.

Was bedeutete das alles? Er war laut eigener Aussage nicht schwul. Hatte er im Interview gelogen und war es am Ende doch?

Sie wollte nur noch von Christian weg. Nicht nur, dass sie dringend nach Hause musste, sie wollte vor allem ihre Gedanken ordnen und aus den Äußerungen, die Christian von sich gab schlau werden. Hastig machte sie einen Schritt vorwärts, blieb an der hohen Kante des Gehsteigs hängen und stolperte auf die Straße.

„ANA!“ rief Christian panisch und zog sie mit einem festen Ruck an ihrer Jacke zurück. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Fahrradfahrer an ihnen vorbeisauste und sie beinahe erwischte.

Alles passierte so schnell. In der einen Sekunde stürzte Anastasia der Fahrbahn entgegen, in der nächsten lag sie in seinen erstaunlich muskulösen Armen, die sie an seine nicht minder muskelbepackte Brust drückten. Sie sog tief seinen Geruch ein und wurde augenblicklich von dem Duft nach sauberer Wäsche und einem exklusiven Duschgel berauscht. „Alles in Ordnung?“ flüsterte Christian ihr ins Ohr, während er sie mit einem Arm weiterhin an seine breite Brust drückte und ihr mit der anderen Hand zärtlich die Konturen ihres Gesichts nachzeichnete. Als sein Daumen ihr über ihre Unterlippe strich, stockte Anastasia schier der Atem. Sie beide sahen sich tief in die Augen, wo Anastasia tiefe Besorgnis um ihr Wohlergehen entdeckte. Gleichzeitig schlummerte dahinter noch etwas anderes in Christians glühendem Blick, was sie nicht einzuordnen vermochte. Sie riss sich von seinen Augen los, doch nun erforderte sein wohlgeformter Mund ihre volle Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal in ihren einundzwanzig Jahren, spürte Anastasia den Drang zu küssen und geküsst zu werden.

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